Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie - III. 3

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Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 628-642.

1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.

III. 3

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|628| Um den Wert des Grosseschen Schemas zu prüfen, wenden wir uns zunächst direkt an die Tatsachen. Prüfen wir - wenn auch mit flüchtigem Blick - die Wirtschaftsweise der tiefststehenden Völker. Welche sind das?

Grosse nennt sie die "niederen Jäger" und sagt von ihnen: "Die niederen Jägervölker bilden heute nur einen geringen Bruchteil der Menschheit. Durch ihre unvollkommene und unergiebige Produktionsform zu numerischer Schwäche und kultureller Armut verdammt, sind sie überall vor den größeren und stärkeren Völkern zurückgewichen, so daß sie jetzt nur noch in unzugänglichen Urwäldern und unwirtlichen Wüsten ihr Dasein fristen. Ein großer Teil dieser kümmerlichen Stämme gehört zwerghaften Rassen an. Es sind eben die Schwächsten, welche im Kampfe um das Dasein von den Stärkeren in die kulturfeindlichsten Gegenden gedrängt und damit zugleich zum kulturellen Stillstande verurteilt wurden. Immerhin aber findet man auch heute noch in allen Erdteilen, mit Ausnahme von Europa, Vertreter der ältesten Wirtschaftsform. Afrika birgt eine Menge von klein gewachsenen Jägervölkern; leider aber sind wir bisher nur über ein einziges derselben, die Buschmänner der Kalaharisteppe (in Deutsch-Südwestafrika - R. L.), einigermaßen unterrichtet; das Leben der übrigen Pygmäenstämme versteckt sich noch in dem Dunkel der |629| zentralen Urwälder. Wenden wir uns von Afrika nach Osten, so treffen wir zunächst im Innern von Ceylon (an der Südspitze der ostindischen Halbinsel - R. L.) das zwerghafte Jägervolk der Wedda, weiter auf der Andamanen-Gruppe die Mincopie, im Innern Sumatras die Kubu und in den Bergwildnissen der Philippinen die Aeta, drei Stämme, die wiederum zu den kleinen Rassen gehören. Der australische Kontinent war vor der europäischen Besiedelung in seiner ganzen Weite von niederen Jägerstämmen bevölkert; und wenn die Eingeborenen in der letzten Hälfte des Jahrhunderts durch die Kolonisten aus dem größten Teile der Küstengebiete vertrieben sind, so halten sie sich doch noch in den Wüsten des Innern. In Amerika endlich kann man, vom tiefsten Süden bis in den höchsten Norden verstreut, eine ganze Reihe von kulturärmsten Gruppen verfolgen. In den regen- und sturmgepeitschten Bergöden um Kap Horn (Südspitze Südamerikas - R. L.) hausen die Feuerländer, welche mehr als ein Beobachter für die elendesten und rohesten aller Menschen erklärt hat. Durch die Wälder Brasiliens streifen außer den übelberufenen Botokuden wohl noch manche Jägerhorden, von denen uns dank den Forschungen von der Steinens wenigstens die Bororo näher bekannt geworden sind. Zentralkalifornien (an der Westküste Nordamerikas - R. L.) birgt verschiedene Stämme, die nur wenig über den armseligsten Australiern stehen."(1) Ohne Grosse weiter folgen zu können, der seltsamerweise auch die Eskimo zu den niedersten Völkern rechnet, wollen wir jetzt bei einigen der oben aufgezählten Stämme nach Spuren eines gesellschaftlich planmäßigen Organisation der Arbeit Umschau halten.

Wenden wir uns zunächst an die australischen Menschenfresser, die sich nach mehreren Gelehrten auf dem tiefsten Stand der Kultur befinden, den das Menschengeschlecht auf Erden aufzuweisen hat. Bei den Australnegern finden wir vor allem die bereits erwähnte primitive Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen: Diese besorgen hauptsächlich die pflanzliche Nahrung sowie Holz und Wasser, die Männer liegen der Jagd ob und besorgen fleischliche Nahrung.

Ferner finden wir hier ein Bild der gesellschaftlichen Arbeit, das den direkten Gegensatz zur "individuellen Nahrungssuche" darstellt und uns zugleich einen Beleg dafür gibt, wie in primitivsten Gesellschaften für den nötigen Fleiß aller erforderlichen Arbeitskräfte gesorgt wird, zum Beispiel: "Im Stamme Chepara wird von allen Männern, falls sie nicht krank sind, erwartet, daß sie für Nahrung sorgen. Ist ein Mann faul und bleibt |630| im Lager, so wird er von den anderen verhöhnt und beschimpft. Männer, Weiber und Kinder verlassen das Lager am frühen Morgen, um Nahrung zu suchen. Nachdem sie genügend gejagt haben, tragen Männer und Weiber ihre Beute zur nächsten Wassergrube, wo Feuer gemacht und das Wild gebraten wird. Männer, Weiber und Kinder essen alle freundschaftlich zusammen, nachdem die Alten die Nahrung unter alle gleich verteilt haben. Nach dem Mahl tragen die Weiber die Reste ins Lager, und die Männer jagen unterwegs."(2)

Nun aber Näheres über den Plan der Produktion bei den Australnegern. Dieser ist nämlich außerordentlich kompliziert und bis ins einzelne ausgearbeitet. Jeder australische Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen, von denen jede nach einem Tier oder einer Pflanze benannt ist, die sie verehrt, und ein abgegrenztes Stück Gebiet innerhalb des Stammesgebiets besitzt. Ein gewisses Gebiet gehört also zum Beispiel den Känguruh-Männern, ein anderes den Emu-Männern (Emu ist ein großer Vogel, ähnlich dem Strauß), ein drittes den Schlangen-Männern (die Australneger verspeisen auch Schlangen) usw. Diese "Totems" sind nach der Erklärung der neuesten wissenschaftlichen Forschungen, wie wir bereits früher in einem anderen Zusammenhang erwähnt haben, fast lauter Tiere und Pflanzen, die den Australnegern zur Nahrung dienen. Jede solche Gruppe hat ihren Häuptling, der die Jagd anführt und leitet. Der Tier- oder Pflanzenname und der entsprechende Kult sind nun keine leere Form: Jede einzelne Gruppe der Australneger ist tatsächlich verpflichtet, die tierische oder pflanzliche Kost ihres Namens zu besorgen, für Bestand und Nachwuchs dieser Nahrungsquelle Sorge zu tragen. Und zwar tut dies jede Gruppe nicht für sich, sondern vor allem für die anderen Gruppen des Stammes. So zum Beispiel sind die Känguruh-Männer verpflichtet, Känguruhfleisch für die übrigen Stammesgenossen zu besorgen, die Schlangen-Männer, Schlangen zu beschaffen, die Raupen-Männer, eine gewisse Raupe, die als Delikatesse gilt, zu sichern usw. Bezeichnenderweise ist all dies mit strengen religiösen Gebräuchen und großen Zeremonien verbunden. So ist zum Beispiel fast allgemeine Regel, daß die Leute jeder Gruppe ihr eigenes Totemtier oder ihre eigene -pflanze nicht oder nur sehr mäßig essen dürfen, hingegen müssen sie sie für andere beschaffen. Ein Mann der Schlangengruppe muß sich zum Beispiel, wenn er eine Schlange erjagt - außer in großem Hunger -, von ihrem Genuß enthalten, sie hingegen ins Lager für die andern bringen. Ebenso wird ein Emu-Mann das Fleisch |631| des Emu nur äußerst mäßig, die Eier und das Fett des Vogels aber, das als Heilmittel gebraucht wird, gar nicht für sich nehmen, sondern den Stammesgenossen abliefern. Andererseits dürfen die anderen Gruppen das Tier oder die Pflanze nicht ohne Erlaubnis der entsprechenden Totemmänner jagen oder sammeln und in Nahrung nehmen. Alljährlich wird von jeder Gruppe eine feierliche Zeremonie abgehalten, die den Zweck hat, den Nachwuchs des Totemtieres oder der -pflanze (durch Gesänge, Blasen und verschiedene Kultzeremonien) zu sichern, worauf erst den anderen Gruppen gestattet ist, davon zu essen. Den Zeitpunkt, wann die Zeremonien stattzufinden haben, bestimmt für jede Gruppe ihr Häuptling, der auch die Zeremonie leitet. Und dieser Zeitpunkt ist direkt mit den Produktionsbedingungen verknüpft. In Zentralaustralien gibt es eine lange trockene Jahreszeit, unter der Tier und Pflanze stark leiden, und eine kurze Regenzeit, der eine Zunahme des tierischen Lebens und ein üppiger Pflanzenwuchs folgen. Die meisten Zeremonien der Totemgruppen werden nun beim Herannahen der guten Jahreszeit abgehalten. Noch Ratzel betrachtete es als ein "komisches Mißverständnis", wenn gesagt wurde, die Australier benennen sich nach ihren wichtigsten Nahrungsmitteln.(3) In dem oben kurz angedeuteten System der Totemgruppen muß aber jedermann schon auf den ersten Blick eine ausgebildete Organisation der gesellschaftlichen Produktion erkennen. Die einzelnen Totemgruppen sind offenbar nichts anderes als Glieder eines ausgedehnten Systems der Arbeitsteilung. Alle Gruppen zusammen bilden ein geordnetes, planmäßiges Ganzes, und auch jede Gruppe für sich verfährt ganz organisiert und planmäßig unter einer einheitlichen Leitung. Die Tatsache aber, daß dieses Produktionssystem in religiöser Form auftritt, in Form von allerlei Speiseverboten, Zeremonien usw., beweist nur, daß dieser Produktionsplan uralten Datums ist, daß vor vielen Jahrhunderten, ja Jahrtausenden diese Organisation bereits bei den Australnegern bestand, so daß sie Zeit hatte, in starren Formeln zu verknöchern, daß zu Artikeln des Glaubens an geheimnisvolle Zusammenhänge wurde, was ursprünglich einfache Zweckmäßigkeiten vom Standpunkte der Produktion und der Nahrungsbeschaffung war. Diese von den Engländern Spencer und Gillen aufgedeckten Zusammenhänge werden auch von einem anderen Gelehrten, Frazer, bestätigt. Dieser sagt zum Beispiel ausdrücklich: "Wir müssen dessen eingedenk bleiben, daß die verschiedenen Totemgruppen in der totemistischen Gesellschaft nicht voneinander isoliert leben; dieselben sind vermengt und üben ihre magischen Kräfte zum Gemeinwohl aus. Im ur- |632| sprünglichen System jagten [1] und töteten die Känguruh-Männer - wenn wir nicht irren - Känguruhs ebensogut zum Nutzen aller übrigen Totemgruppen wie zu ihrem eigenen, und so mag es mit dem Raupentotem, dem Falkentotem und den übrigen gestanden haben. Unter dem neuen System (in der religiösen Form - R. L.), nach welchem den Männern das Töten und Essen der Totemtiere verboten wurde, fuhren die Känguruh-Männer fort, Känguruhs zu produzieren, doch nicht mehr zu eigenem Gebrauch; die Emu-Männer fuhren fort mit der Vermehrung der Emus, obwohl sie selbst vom Emu-Fleisch nichts mehr genießen durften; die Raupen-Männer setzten ihre Zauberkünste zur Fortpflanzung der Raupen fort, wenn auch diese Leckerbissen nunmehr für andere Mägen bestimmt waren."[2] Mit einem Wort: Was uns heute als ein Kultsystem entgegentritt, war schon in uralten Zeiten ein einfaches System der organisierten gesellschaftlichen Produktion mit weitgehender Arbeitsteilung. - Wenden wir uns jetzt an die Verteilung der Produkte bei den Australnegern, so finden wir ein womöglich noch ausführlicheres und komplizierteres System. Jedes gejagte Stück Wild, jedes gefundene Vogelei, jede gesammelte Handvoll Früchte wird nach ganz festen Regeln planmäßig diesen oder jenen Gliedern der Gesellschaft zur Konsumtion zugewiesen. Was zum Beispiel von den Weibern an pflanzlicher Nahrung gesammelt wird, gehört ihnen und ihren Kindern. Die Jagdbeute der Männer wird verteilt nach Regeln, die in jedem Stamme anders, die aber bei allen Stämmen äußerst eingehend sind. So zum Beispiel beobachtete der englische Gelehrte Howitt, der die Völkerschaften im Südosten Australiens, hauptsächlich im Gebiete Victoria, beobachtete, folgende Verteilungsart:

"Ein Mann tötet ein Känguruh in einer gewissen Entfernung vom Lager. Zwei andere Männer sind in seiner Begleitung, doch kommen sie nicht mehr dazu, ihm bei der Tötung des Tieres beizustehen. Die Entfernung vom Lager ist beträchtlich, weshalb das Känguruh gebraten wird, bevor es heimgetragen wird. Des erste Mann zündet ein Feuer an, und die beiden andern zerschneiden das Wild, die drei braten die Eingeweide und essen sie. Die Verteilung geschieht folgendermaßen: Die Männer Nr. 2 und 3 erhalten einen Schenkel und den Schweif und einen Schenkel mit einem Teil der Hüfte, weil sie zugegen waren und bei der Zerteilung mithalfen. Der Mann Nr. 1 behält das übrige und trägt es ins Lager. Den Kopf und Rücken trägt sein Weib zu ihren Eltern, das übrige kommt zu |633| seinen Eltern. Wenn er kein Fleisch hat, behält er ein wenig für sich, doch hat er zum Beispiel ein Opossum, so gibt er alles weg. Hat seine Mutter Fische gefangen, so mag sie ihm etwas davon geben, oder die Schwiegereltern geben ihm etwas von ihrem Teil; auch geben sie ihm in solchem Falle etwas am nächsten Morgen. Die Kinder sind in allen Fällen durch die Großeltern wohlversorgt."(4) In einem Stamme gelten folgende Regeln: Von einem Känguruh zum Beispiel erhält der Erleger ein Lendenstück, der Vater das Rückenstück, die Rippen, Schultern und den Kopf; die Mutter den rechten Schenkel, der jüngere Bruder das linke Vorderbein, die ältere Schwester ein Stück entlang des Rückens, die jüngere das rechte Vorderbein. Der Vater gibt den Schwanz und ein Stück des Rückens weiter an seine Eltern, die Mutter gibt ein Teil des Schenkels und das Schienbein an ihre Eltern weiter. Von einem Bären behält der Jäger selbst die linken Rippen, der Vater erhält den rechten Hinterfuß, die Mutter den linken, der ältere Bruder den rechten Vorderfuß, der jüngere den linken. Die ältere Schwester bekommt das Rückenstück, die jüngere die Leber. Das rechte Rippenstück gehört dem Vatersbruder, ein Seitenstück dem mütterlichen Onkel, und der Kopf kommt ins Lager der jungen Männer.

In einem anderen Stamme hingegen wird die gewonnene Nahrung immer unter alle Anwesenden gleich verteilt. Wird zum Beispiel ein Wallaby (kleinere Känguruhart) erlegt und sind zum Beispiel zehn oder zwölf dabei, so erhält jeder einen Teil des Tieres. Keiner von ihnen berührt das Tier oder ein Stück desselben, bevor ihm sein Teil vom Erleger gegeben wurde. Ist der, welcher das Tier erlegt hat, zufällig abwesend, während es gebraten wurde, so rührt es keiner an, bevor er zurückkommt und es verteilt. Die Weiber erhalten gleiche Teile wie die Männer, und die Kinder werden von beiden Eltern sorgfältig bedacht.(5)

Auch diese verschiedenen Verteilungsarten, die in jedem Stamme anders sind, verraten darin ihren uraltertümlichen Charakter, daß sie in rituellen Formen auftreten und in Sprüche gefaßt sind.(6) Es kommt darin zum Ausdruck die vielleicht jahrtausendealte Tradition, die jeder Generation als etwas Überliefertes, als unverbrüchliche Regel gilt und streng eingehalten wird. Dieses System zeigt aber zweierlei in deutlichster Weise. Es zeigt vor allem, daß bei den Australnegern, dieser vielleicht zurückgebliebensten Menschenart, nicht bloß die Produktion, sondern auch die |634| Konsumtion als gemeinsame, gesellschaftliche Sache planmäßig organisiert ist, und zweitens, daß dieser Plan deutlich die Versorgung und Sicherung aller Mitglieder der Gesellschaft im Auge hat, und zwar entsprechend sowohl den Nahrungsbedürfnissen wie den Leistungskräften: Unter allen Umständen. und vor allem ist für die alten Leute gesorgt, und diese wiederum, so wie die Mütter, sorgen ihrerseits für die kleinen Kinder. So ist das ganze wirtschaftliche Leben der Australier - die Produktion, die Arbeitsteilung, die Verteilung der Nahrungsmittel - in strengster Weise planmäßig organisiert, seit den Urzeiten in feste Regeln gebracht.

Von Australien wenden wir uns nach Nordamerika. Hier bieten im Westen die spärlichen Reste der Indianer, die auf der Insel Tiburon im Golf von Kalifornien und auf einem schmalen Streifen des benachbarten Festlandes wohnen, ein besonderes Interesse dank ihrer gänzlichen Abgeschlossenheit und Feindseligkeit Fremden gegenüber, wodurch sie sich ihre uralten Sitten in großer Reinheit bewahrt haben. Im Jahre 1895 wurde von Gelehrten der Vereinigten Staaten eine Expedition zur Erforschung dieses Stammes unternommen, und die Resultate derselben sind uns von dem Amerikaner MacGee geschildert. Danach zerfällt der Stamm der Seri-Indianer - denn so heißt dieses nunmehr sehr spärliche Völklein - in vier Gruppen, von denen jede nach einem Tier benannt ist. Die beiden wichtigsten sind die Pelikangruppe und die Schildkrötengruppe. Die Gebräuche, Sitten und Regeln dieser Gruppen in bezug auf ihre Totemtiere sind streng geheimgehalten und waren fast nicht zu ermitteln. Wenn wir aber zugleich erfahren, daß die Nahrung dieser Indianer hauptsächlich aus Pelikanfleisch, Schildkröten, Fischen und anderen Seetieren besteht, und wenn wir uns an das vorhin geschilderte System der Totemgruppen bei den Australnegern erinnern, so dürfen wir wohl mit einiger Sicherheit annehmen, daß auch bei den indianischen Nachbarn Kaliforniens der geheimnisvolle Kult der Totemtiere und die Einteilung des Stamms in entsprechende Gruppen nichts anderes als Überbleibsel eines uralten, streng organisierten Produktionssystems mit Arbeitsteilung darstellt, das in religiösen Symbolen verknöcherte. Darin bestärkt uns zum Beispiel der Umstand, daß der oberste Schutzgeist der Seri-Indianer der Pelikan ist; dieser Vogel ist es aber zugleich, der gerade die Grundlage des wirtschaftlichen Daseins des genannten Stammes bildet. Pelikanfleisch ist Hauptnahrung, Pelikanhäute dienen als Kleidung, als Bettung, als Schild, als wichtigster Tauschartikel gegenüber Fremden. Die wichtigste Arbeitsform der Seri, die Jagd, ist nun bis auf den heutigen Tag streng geregelt. So ist zum Beispiel die Pelikanjagd eine wohlorganisierte gemeinsame Unter- |635| nehmung "zum mindesten halbzeremoniellen Charakters". Pelikanjagden dürfen nur in bestimmten Zeiten stattfinden, und zwar so, daß während der Brutzeit die Vögel geschont werden, damit ihr Nachwuchs gesichert wird. "Der Schlächterei (das massenhafte Erschlagen der schwerfälligen Tiere bietet keine Schwierigkeiten - R. L.) folgt ein großes Fressen, bei welchem die halbverhungerten Familien die weicheren Teile im Dunkeln verschlingen und lärmend zechen, bis sie der Schlaf überkommt. Am nächsten Tage suchen die Weiber die Leichname aus, deren Gefieder am wenigsten verletzt ist, und ziehen die Bälge sorgfältig ab."[3] Das Fest dauert mehrere Tage, und verschiedene Zeremonien sind damit verbunden. Jenes "große Fressen" also, jenes "Verschlingen im Dunkeln" und dazu mit Lärm, das Professor Bücher sicher als ein Zeichen rein tierischen Gebarens festnageln würde, ist in Wirklichkeit - gerade der zeremonielle Charakter bürgt uns dafür genügend - sehr wohl organisiert. Mit der Planmäßigkeit der Jagd ist nämlich strenge Regelung der Verteilung und der Konsumtion verbunden. Das gemeinsame Essen und Trinken geht in bestimmter Reihenfolge vor sich: Zuerst kommt der Häuptling (zugleich Leiter der Jagd), dann die übrigen Krieger in einer durch das Alter bestimmten Reihe, dann kommt die älteste Frau und nach ihr ihre Töchter nach dem Alter an die Reihe, endlich die Kinder in der Reihenfolge des Alters, wobei die Mädchen, namentlich wenn sie sich der Mannbarkeit nähern, durch die Nachsicht der Weiber gewisse Vorteile genießen. "Jedes Mitglied der Familie oder des Clans kann auf die notwendige Nahrung und Bekleidung Anspruch erheben, und es ist Sache jeder anderen Person, darauf zu sehen, daß dieser Bedarf gedeckt werde. Der Grad dieser Pflicht richtet sich teils nach der Nachbarschaft, so daß dieselbe... bei der nächsten Person beginnt, hauptsächlich aber sind der Rang und die Verantwortlichkeit in der Gruppe (gewöhnlich Äquivalente des Alters) maßgebend. Es ist die Pflicht der ersten Person bei einem Mahle, dafür zu sorgen, daß für die unter ihr Stehenden genügend übrigbleibe, und diese Pflicht steigt dann in der Weise abwärts, daß selbst für die Interessen der hilflosen Kinder gesorgt ist."[7]

Aus Südamerika besitzen wir das Zeugnis Professor von der Steinens über den wilden Indianerstamm der Bororo in Brasilien. Auch hier herrscht vor allem die typische Arbeitsteilung: Die Frauen beschaffen pflanzliche Nahrung, suchen Wurzeln mit einem spitzen Stock, klettern mit |636| großer Gewandtheit auf die Palmen, sammeln Nüsse, schneiden in der Krone den Palmkohl, suchen Früchte und dergleichen. Die Frauen bereiten auch die pflanzliche Nahrung, und sie verfertigen auch die Töpfe. Wenn die Frauen heimkommen, geben sie den Männern Früchte etc. und erhalten, was übrigbleibt von dem Fleisch. Die Verteilung und die Konsumtion sind streng geregelt.

"Verhinderte die Etikette die Bororo keineswegs ...", sagt von der Steinen, "gemeinsam zu speisen, so hatten sie dafür andere seltsame Gebräuche, die deutlich zeigen, daß auf knappe Jagdbeute angewiesene Stämme sich auf die eine oder andere Weise nach Mitteln umschauen müssen, Zank und Streit bei der Verteilung vorzubauen. Da bestand zunächst eine höchst auffällige Regel: Niemand briet das Wild, das er selbst geschossen hatte, sondern gab es einem anderen zum Braten! Gleich weise Vorsicht wird für kostbare Felle und Zähne geübt. Nach Erlegung eines Jaguars wird ein großes Fest gefeiert; das Fleisch wird gegessen. Das Fell und die Zähne erhält aber nicht der Jäger, sondern ... der nächste Verwandte des Indianers oder der Indianerin, die zuletzt verstorben ist. Der Jäger wird geehrt, er bekommt von jedermann Ararasfedern (vornehmster Schmuck der Bororo - R. L.) zum Geschenk und den mit Oassú-Bändern geschmückten Bogen. Die wichtigste Maßregel jedoch, die vor Unfrieden schützt, ist mit dem Amt des Medizinmannes verknüpft"[4] oder, wie die Europäer in solchen Fällen zu sagen pflegen, des Zauberers oder Priesters. Dieser muß beim Erlegen jedes Tieres zugegen sein, vor allem aber jedes erlegte Tier und auch die pflanzliche Kost erst durch bestimmte Zeremonien zum Verteilen und Gebrauch freigeben. Die Jagd findet auf Ansagen und unter Leitung des Häuptlings statt. Die jungen und unverheirateten Männer wohnen gemeinsam im "Männerhause", wo sie gemeinsam arbeiten, Waffen, Werkzeug und Schmuck verfertigen, spinnen, Ringkämpfe aufführen und auch gemeinsam, in strenger Zucht und Ordnung, essen, wie wir bereits früher erwähnt haben. "Ein großer Verlust", sagt von der Steinen, "betrifft die Familie, aus der ein Mitglied stirbt. Denn alles, was der Tote in Gebrauch hatte, wird verbrannt, in den Fluß geworfen oder in den Knochenkorb gepackt, damit er keinesfalls veranlaßt sei, zurückzukehren. Die Hütte ist dann vollständig ausgeräumt. Allein die Hinterbliebenen werden neu beschenkt, man macht Bogen und Pfeile für sie, und so will es auch die Sitte, daß, wenn ein Jaguar getötet wird, das Fell 'an den Bruder der zuletzt gestorbenen Frau oder an den Oheim des |637|' zuletzt gestorbenen Mannes gegeben wird."(8) So herrscht auch bei der Produktion wie bei der Verteilung ein ganz bestimmter Plan und gesellschaftliche Organisation.

Wenn wir das amerikanische Festland bis zur tiefsten Südspitze durchwandern, so finden wir hier eines der tiefststehenden Naturvölker, die Feuerländer, jene Bewohner der an der Spitze von Südamerika gelegenen unwirtlichen Inselgruppe, über die uns die ersten Nachrichten im 17. Jahrhundert überbracht worden sind. Im Jahre 1698 ist auf die Anregung französischer Seeräuber, die in der Südsee lange Jahre ihr Handwerk getrieben hatten, von der französischen Regierung eine Expedition nach der Südsee ausgeschickt worden. Von einem der Ingenieure, die daran teilgenommen haben, ist uns ein Tagebuch hinterlassen worden, das folgende knappe Nachrichten über die Feuerländer enthält:

"Jede Familie, das heißt Vater, Mutter und Kinder, die noch nicht verheiratet sind, hat ihre Piroge (ein Kahn aus Baumrinde), worin sie alles führen, was sie benötigen. Dort, wo sie die Nacht ereilt, da legen sie sich schlafen. Gibt es keine fertige Hütte, so errichten sie eine ... In der Mitte machen sie ein kleines Feuer an, um das sie in einem Durcheinander auf Gräsern liegen. Wenn sie Hunger verspüren, braten sie sich Muscheln, die der Älteste unter ihnen in gleichen Teilen verteilt. Die Hauptbeschäftigung der Männer und ihre Pflicht besteht in der Errichtung der Hütte, der Jagd und dem Fischfang; den Weibern liegt die Sorge für die Kähne ob und die Beschaffung der Muscheln ... Sie machen Jagd auf den Walfisch in folgender Weise: Sie gehen zu fünf oder sechs Kähnen zusammen in See, und wenn sie einen gefunden haben, verfolgen sie ihn, harpunieren ihn mit großen Pfeilen, deren Spitzen aus Knochen oder Stein sehr geschickt geschnitten sind ... Wenn sie ein Tier oder einen Vogel erlegt oder Fische und Muscheln, die ihre gewöhnliche Nahrung bilden, gefangen haben, verteilen sie sie unter allen Familien, indem sie dies vor uns voraus haben, daß sie fast ihre sämtlichen Lebensmittel insgemein besitzen."(9)

Von Amerika wenden wir uns nach Asien. Hier berichtet uns über die Zwergstämme der Mincopie auf der Inselgruppe der Andamanen (im Golf von Bengalen) der englische Forscher E. H. Man, der elf Jahre unter |638| ihnen verbracht hat und zu einer genaueren Kenntnis von ihnen gelangt ist als irgendein anderer Europäer, folgendes:

Die Mincopie zerfallen in neun Stämme, jeder Stamm in eine größere Anzahl kleiner Gruppen zu 30-50, manchmal aber auch 300 Personen. Jede solche Gruppe hat ihren Vorsteher, auch der ganze Stamm hat einen Häuptling, der über denjenigen der einzelnen Gemeinschaften steht. Doch seine Autorität ist sehr beschränkt; sie besteht hauptsächlich in der Veranstaltung von Versammlungen sämtlicher Gemeinschaften, welche zu seinem Stamme gehören. Er ist der Anführer bei der Jagd, beim Fischfang und auf den Wanderungen, er schlichtet auch die Zwistigkeiten. Innerhalb jeder Gemeinschaft besteht gemeinsame Arbeit, und zwar mit Arbeitsteilung unter Männern und Frauen. Den Männern liegen die Jagd, der Fischfang, die Beschaffung von Honig, Herstellung der Kähne, der Bogen, Pfeile und anderer Gerätschaften ob, die Weiber schaffen Holz und Wasser herbei sowie pflanzliche Nahrung, stellen Schmucksachen her, kochen. Es ist die Pflicht all jener Männer und Weiber, die zu Hause bleiben, Kinder, Kranke und Greise zu pflegen und das Feuer in den verschiedenen Hütten zu unterhalten; jedermann, der arbeitsfähig ist, ist verpflichtet, für sich und die Gemeinschaft zu arbeiten, auch ist es üblich, dafür zu sorgen, daß ständig ein Nahrungsvorrat da ist, um etwa einkehrende Fremde damit zu bewirten. Die kleinen Kinder, die Schwachen und die Greise sind spezielle Gegenstände allgemeiner Fürsorge, und es ergeht ihnen in bezug auf die Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse noch besser als den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft.

Über die Nahrungsaufnahme bestehen bestimmte Regeln. Ein verheirateter Mann darf nur mit anderen Ehemännern oder Junggesellen zusammen essen, jedoch niemals mit anderen Frauen als mit denen seines eigenen Haushalts, es sei denn, daß er bereits vorgeschrittenen Alters ist. Die unverheirateten Leute haben ihre Mahlzeiten gesondert - Jünglinge für sich, Mädchen für sich - einzunehmen.

Die Zubereitung der Speisen ist gewöhnlich Pflicht der Weiber, die sie während der Abwesenheit der Männer zu besorgen pflegen. Sind sie jedoch durch die Herbeischaffung von Holz und Wasser außergewöhnlich in Anspruch genommen, wie an Festtagen oder nach einer besonders ausgiebigen Jagd, so besorgt das Kochen einer der Männer, der, wenn das Mahl zur Hälfte fertig ist, dasselbe unter die Anwesenden verteilt und ihnen die weitere Zubereitung, die an ihren eigenen Feuerplätzen zu geschehen hat, überläßt. Ist der Häuptling zugegen, so erhält er den ersten, und zwar den Löwenanteil, dann kommen die Männer und nachher die |639| Weiber und die Kinder an die Reihe; was übrigbleibt, gehört dem Verteiler.

Bei der Verfertigung ihrer Waffen, Geräte und anderer Artikel legen die Mincopie gewöhnlich eine bemerkenswerte Ausdauer und einen großen Fleiß an den Tag, indem sie sich stundenlang damit beschäftigen können, ein Stück Eisen mit einem Steinhammer mühsam zu bearbeiten, um eine Speer- oder Pfeilspitze daraus zu formen, oder indem sie damit beschäftigt sind, die Form eines Bogens zu verbessern usw. Sie obliegen diesen Arbeiten selbst dann, wenn keine unmittelbare oder voraussichtliche Notwendigkeit vorhanden ist, die sie zu solcher Anstrengung antriebe. Selbstsucht kann man ihnen nicht nachsagen - heißt es von ihnen -, denn sie verschenken (natürlich nur ein europäisch-mißverständlicher Ausdruck für "verteilen") häufig das Beste dessen, was sie besitzen, und behalten für ihren eigenen Gebrauch keineswegs Gegenstände von besserer Arbeit, noch weniger machen sie bessere für sich selbst.(10)

Die Reihe der obigen Beispiele wollen wir noch mit einer Stichprobe aus dem Leben der Wilden in Afrika abschließen. Hier bieten die kleinen Buschmänner der Kalahariwüste gewöhnlich das Beispiel der größten Zurückgebliebenheit und des größten Tiefstands der menschlichen Kultur. Über die Buschmänner berichten uns übereinstimmend deutsche, englische und französische Forscher, daß sie in Gruppen (Horden) leben, die [ein] gemeinsames wirtschaftliches Leben führen. In ihren kleinen Banden herrscht vollkommene Gleichheit auch in bezug auf Lebensmittel, Waffen etc. Die Nahrungsmittel, die sie auf ihren Wanderungen finden, werden in Säcke gesammelt, die im Lager entleert werden. "Da kommt nun", erzählt der Deutsche Passarge, "die Ernte des Tages zum Vorschein: Wurzeln, Knollen, Früchte, Raupen, Nashornvögel, Ochsenfrösche, Schildkröten, Heuschrecken, selbst Schlangen und Leguane."[5] Die Beute wird dann unter alle verteilt. "Das systematische Einsammeln von Vegetabilien, wie zum Beispiel Früchten, Wurzeln, Knollen u.a., sowie von kleineren Tieren ist Sache der Frauen. Sie haben die Horde mit solchen Vorräten zu versorgen, die Kinder helfen dabei. Auch der Mann bringt wohl manches mit, was er zufällig antrifft, allein das Sammeln ist bei ihm ganz Nebensache. Die Aufgabe des Mannes ist vor allem die Jagd."[6] Die Jagdbeute wird von der Horde gemeinsam verzehrt. Auch wandernden Buschmännern aus be- |640| freundeten Horden wird am gemeinsamen Feuer Platz und Nahrung eingeräumt. Passarge, als guter Europäer mit der geistigen Brille der bürgerlichen Gesellschaft, erblickt sogar in der "übertriebenen Tugend", womit die Buschmänner alles bis auf den letzten Rest mit anderen teilen, eine Ursache ihrer Kulturunfähigkeit!(11)

So zeigt es sich, daß uns die primitivsten Völker, und zwar gerade solche, die von der Seßhaftigkeit und dem Ackerbau weit entfernt sind, die gewissermaßen an dem Anfangspunkt der Kette der wirtschaftlichen Entwicklung stehen, soweit sie uns aus unmittelbarer Beobachtung bekannt ist, ein ganz anderes Bild der Verhältnisse bieten, als es im Schema des Herrn Grosse der Fall ist. Nicht "Zerstreuung" und "Sonderwirtschaft", sondern streng geregelte wirtschaftliche Gemeinschaften mit typischen Zügen der kommunistischen Organisation erblicken wir allenthalben. Dies bezieht sich auf die "niederen Jäger". Über die "höheren Jäger" genügt das Bild der Sippenwirtschaft bei den Irokesen, wie es von Morgan eingehend geschildert worden ist. Aber auch die Viehzüchter liefern ein genügendes Material, um die kühnen Behauptungen Grosses Lügen zu strafen.[7]

Die ackerbauende Markgenossenschaft ist also nicht die einzige, sondern bloß die höchstentwickelte, nicht die erste, sondern die letzte urkommunistische Organisation, die wir in der Wirtschaftsgeschichte antreffen. Sie ist selbst nicht ein Produkt des Ackerbaues, sondern der unermeßlich langen vorhergegangenen Traditionen des Kommunismus, der, im Schoße der Gentilorganisation geboren, schließlich auf den Ackerbau angewendet, in ihm gerade eine Höhe erreiche hat, die seinen eigenen Untergang gezeitigt hat. Die Tatsachen bestätigen also das Grossesche Schema durchaus nicht. Fragen wir nun nach einer Erklärung für das merkwürdige Phänomen dieses Kommunismus, der mitten in der Wirtschaftsgeschichte auftaucht, um alsbald wieder unterzutauchen, so dient uns Herr Grosse mit einer seiner geistvollen "materialistischen" Erklärungen: "Wir haben in der Tat gesehen, daß die Sippe unter den niederen Ackerbauern vor allem deshalb soviel mehr Halt und Macht gewonnen hat als unter den Völkern anderer Kulturformen, weil sie hier zunächst als eine Wohnungs-, Besitz- und Wirtschaftsgemeinschaft auftritt. Daß sie sich hier aber zu einer solchen ausgebildet hat, erklärt sich wiederum aus dem Wesen der niederen Ackerwirtschaft, welche die Menschen vereint, während die Jagd und die |641| Viehzucht die Menschen zerstreuen." (S. 158.)[8] Also die räumliche "Vereinigung" oder "Zerstreuung" der Menschen bei der Arbeit entscheidet darüber, ob Kommunismus oder Privateigentum vorherrschen. Schade, daß Herr Grosse vergessen hat, uns darüber aufzuklären, warum Wälder und Wiesen, in denen man sich am leichtesten "zerstreut", gerade am längsten - stellenweise bis auf den heutigen Tag - Gemeineigentum geblieben, während die Äcker, wo man sich "vereinigt", am frühesten in Privatbesitz übergegangen sind. Und ferner, warum die Produktionsform, die am meisten in der ganzen Wirtschaftsgeschichte die Menschen "vereinigt", die moderne Großindustrie, durchaus nicht ein Gemeineigentum, sondern die krasseste Form des Privateigentums, das kapitalistische Eigentum hervorgebracht hat.

Man sieht, der Grossesche "Materialismus" ist wieder einmal ein Beweis, daß es nicht genügt, von "Produktion" und ihrer Bedeutung für das gesamte Leben der Gesellschaft zu reden, um materialistisch die Geschichte aufzufassen, daß namentlich getrennt von seiner anderen Seite, von dem revolutionären Entwicklungsgedanken, der historische Materialismus zu einer rohen und plumpen hölzernen Krücke wird, statt daß er, wie bei Marx, ein genialer Flügelschlag des forschenden Geistes

Vor allem zeigt sich aber, daß Herr Grosse, der von Produktion und ihren Farmen so viel redet, sich über die grundlegendsten Begriffe der Produktionsverhältnisse nicht klar ist. Wir haben schon gesehen, daß er zunächst unter Produktionsformen solche rein äußerlichen Kategorien versteht wie Jagd, Viehzucht oder Ackerbau. Um nun innerhalb jeder dieser "Produktionsformen" die Frage nach der Eigentumsform zu entscheiden - das heißt die Frage, ob Gemeineigentum, Familienbesitz oder Privatbesitz besteht und wem das Eigentum gehört -, unterscheidet er solche Kategorien wie "Grundbesitz" einerseits und "fahrende Habe" andererseits. Findet er, daß sie verschiedenen Eigentümern gehören, so fragt er sich, welche "bedeutender" ist: die "fahrende Habe" oder die unbewegliche Habe, der Grundbesitz. Je nachdem, was Herrn Grosse "bedeutender" scheint, nimmt er als ausschlaggebend für die Eigentumsform der Gesellschaft. So entscheidet er zum Beispiel, daß bei höheren Jägern "die bewegliche Habe bereits eine solche Bedeutung gewonnen hat", daß sie wichtiger sei als der Grundbesitz, und da die bewegliche Habe, so auch die Nahrungsmittel, Privateigentum sei, so erkennt Grosse hier, trotz aus- |642| gesprochenem Gemeineigentum an Grund und Boden, keine kommunistische Wirtschaft an.

Nun haben solche Unterscheidungen nach rein äußerlichem Merkmal - wie bewegliche Habe und unbewegliche Habe - für die Produktion nicht den geringsten Sinn und stehen ungefähr auf derselben Höhe wie die anderen Grosseschen Unterscheidungen der Familienformen nach Männerherrschaft und Frauenherrschaft oder der Produktionsformen nach zerstreuenden und vereinigenden Wirkungen. Die "bewegliche Habe" kann zum Beispiel bestehen aus Nahrungsmitteln oder aus Rohstoffen, aus Schmucksachen und Kultgegenständen oder aus Werkzeugen. Sie kann für den eigenen Gebrauch der Gesellschaft oder zum Austausch verfertigt werden. Je nachdem wird sie für die Produktionsverhältnisse von sehr verschiedener Bedeutung sein. Im allgemeinen urteilt Grosse über die Produktions- und Eigentumsverhältnisse der Völker - und hierin ist er ein typischer Vertreter der heutigen bürgerlichen Wissenschaft - nach den Nahrungsmitteln und sonstigen Konsumgegenständen im weitesten Sinne. Findet er, daß die Konsumgegenstände von einzelnen in Besitz genommen und verbraucht werden, so ist für ihn die Herrschaft des "Individualeigentums" bei dem gegebenen Volke erwiesen. Dies ist der typische Weg, auf dem heutzutage der Urkommunismus "wissenschaftlich" widerlegt wird.(12) Nach diesem tiefsinnigen Standpunkt erscheint eine Bettlergemeinschaft, wie man sie im Orient vielfach antrifft, welche die milden Gaben zusammenwirft und gemeinsam verzehrt, oder eine Diebesbande, die solidarisch das Gestohlene genießt, als "kommunistische Wirtschaftsgenossenschaft" in Reinkultur. Hingegen kann eine Markgenossenschaft, die den Grund und Boden gemeinsam besitzt und gemeinsam bearbeitet, aber die Früchte familienweise verzehrt - jede Familie von ihrem Ackerstück -, eine "Wirtschaftsgemeinschaft nur in sehr bedingtem Sinne" genannt werden. Kurz, das Entscheidende für den Charakter der Produktion ist nach dieser Auffassung das Eigentumsrecht an den Konsummitteln und nicht an den Produktionsmitteln, das heißt die Bedingungen der Verteilung und nicht der Produktion. Hier sind wir an einen Kardinalpunkt der nationalökonomischen Auffassung gelangt, der für das Verständnis der ganzen Wirtschaftsgeschichte von grundlegender Bedeutung ist. Indem wir Herrn Grosse nunmehr seinen Schicksalen überlassen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit dieser Frage im allgemeinen zu.



Fußnoten von Rosa Luxemburg

(1) Ernst Grosse: Die Formen der Familie und die Formen der Wirthschaft [Freiburg i.B. u. Leipzig. <=

(2) Howitt, zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 44/45. <=

(3) Friedrich Ratzel: Völkerkunde, 2. Bd., Leipzig 1886, S. 64. <=

(4) Howitt, zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 42. <=

(5) Siehe Howitt, zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 43. <=

(6) Siehe [Friedrich] Ratzel: [Völkerkunde, 1. Bd., Leipzig u. Wien] 1894, S. 333. <=

(7) MacGee, zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 128. <=

(8) Karl von der Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. [Reiseschilderung und Ergebnisse der Zweiten Schingu-Expedltion 1887-1888, Berlin 1894, S. 502.] <=

(9) Bericht von der 8. Sitzung des Internationalen Kongresses der Amerikanisten in Paris 1890, erstattet von M. G. Marcel, Paris 1892, S. 491. [G. Marcel: Les Fuégiens à la fin de XVIIe siecle. D'après des documents français inédits. Congres international des Americanists. Compte-rendu de la 8me session, tenue à Paris en 1890, Paris 1892, S. 491.] <=

(10) Man, zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 96-99. <=

(11) Siehe [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 116. <=

(12) Siehe [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909, S. 155-177]. <=



Redaktionelle Anmerkungen

[1] In der Quelle: machten. <=

[2] Zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 61/62. <=

[3] Zit. nach: [Felix] Somló[: Der Güterverkehr in der Urgesellschaft, Brüssel, Leipzig, Paris 1909], S. 124/125. <=

[4] Karl von der Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Reiseschilderung und Ergebnisse der Zweiten Schingu-Expedltion 1887-1888, Berlin 1894, S. 491. <=

[5] Siegfried Passarge: Die Buschmänner der Kalahari, Berlin 1907, S. 54. <=

[6] Siegfried Passarge: Die Buschmänner der Kalahari, Berlin 1907, S. 57/58. <=

[7] Randnotiz R. L.: Peruaner - aber das sind freilich keine Nomaden. Araber, Kabylen - Kirgisen, Jakuten. - Kaufman. Aus Laveleye Beispiele! <=

[8] Ernst Grosse: Die Formen der Familie und die Formen der Wirthschaft, Freiburg i.B. u. Leipzig 1896, S. 158. <=


III. 2 | Inhalt | III. 4

Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 716-726.

1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.

III. 3

'

|716| Unsere bisherige Untersuchung darüber, wie sich die Verhältnisse in der kommunistischen Gemeinde nach dem plötzlichen Zusammenbruch des gemeinschaftlichen Eigentums und des gemeinschaftlichen Arbeitsplans gestalten würden, ist Ihnen als ein rein theoretisches Spintisieren und ein Mit-der-Stange-im-Nebel-Herumfahren vorgekommen. In Wirklichkeit war das nichts anderes als eine abgekürzte und vereinfachte Darstellung der geschichtlichen Entstehung der Warenwirtschaft, die in ihren Grundzügen streng der historischen Wahrheit entspricht.

Einige Korrekturen müssen allerdings zu unserer Darstellung gemacht werden:

1. Der Vorgang, den wir als eine plötzlich eingetretene Katastrophe geschildert hatten, die die kommunistische Gesellschaft über Nacht zertrümmert und in eine Gesellschaft freier Privatproduzenten verwandelt hat, dieser Vorgang hat in Wirklichkeit Jahrtausende gebraucht. Freilich ist auch die Vorstellung von einer solchen Verwandlung als einer plötzlichen und gewaltsamen Katastrophe durchaus nicht reine Phantasie. Diese Vorstellung entspricht der Wirklichkeit überall da, wo primitive urkommunistische Völkerstämme mit anderen Völkern, die bereits auf hoher kapitalistischer Entwicklungsstufe stehen, in Berührung kommen. Solche Fälle haben wir bei den meisten Entdeckungen und Eroberungen der sogenannten wilden und halbzivilisierten Länder durch Europäer: bei der Entdeckung Amerikas durch die Spanier, bei der Eroberung Indiens durch die Holländer, Ostindiens durch die Engländer, dasselbe bei der Besitzergreifung der Engländer, Holländer, Deutscher, in Afrika. In den meisten dieser Fälle war der plötzliche Einfall der Europäer in diese Länder von einer Katastrophe im Leben der dortigen primitiven Völker begleitet. Was wir als einen Vorgang von 24 Stunden angenommen haben, braucht in der Tat manchmal nur wenige Jahrzehnte. Die Eroberung des Landes durch einen europäischen Staat oder auch nur die Ansiedlung einiger europäischer Handelskolonien in diesen Ländern hat sehr bald zur Folge eine gewaltsame Abschaffung des Gemeineigentums an Grund und Boden, |717| die Zerteilung und Zerstückelung des Grundeigentums in Privateigentum, die Wegnahme der Viehherden. die Umkrempelung sämtlicher hergebrachter Verhältnisse der Gesellschaft, nur daß das Resultat dabei meistens nicht, wie wir angenommen, die Verwandlung der kommunistischen Gemeinde in eine Gesellschaft freier Privatproduzenten mit Warenaustausch ist. Denn das aufgelöste Gemeineigentum wird nicht zum Privateigentum der Eingeborenen, sondern zum gestohlenen und geraubten Gut der europäischen Eindringlinge gemacht, und die Eingeborenen selbst, die ihrer alten Existenzformen und Existenzmittel beraubt sind, werden entweder zu Lohnsklaven oder einfach zu Sklaven der europäischen Kaufleute gemacht oder aber, wo beides nicht angängig - direkt ausgerottet. Für alle primiciven Völker in den Kolonialländern ist also der Übergang von den primitiven kommunistischen Zuständen zu den modernen kapitalistischen tatsächlich als eine plötzliche Katastrophe. als ein unsägliches Unglück voll furchtbarster Leiden eingetreten. Bei der europäischen Bevölkerung jedoch war es nicht eine Katastrophe, sondern ein langsamer, allmählicher und unmerklicher Prozeß, der lange Jahrhunderte dauerte. Die Griechen und die Römer treten in die Geschichte noch mit dem Gemeineigentum ein. Die alten Germanen, die bald nach Christi Geburt vom Norden nach Süden dringen, das römische Reich zerstören und sich in Europa ansiedeln, bringen noch die kommunistische Urgemeinde mit und halten sie eine Zeitlang aufrecht. Die ausgebildete Warenwirtschaft der europäischen Völker aber, wie wir sie geschildert haben, kommt erst am Ausgang des Mittelalters, im 15. und 16, Jahrhundert, auf.

2. Die zweite Korrektur, die an unserer Darstellung zu machen wäre, ergibt sich aus der ersten. Wir haben angenommen, daß bereits im Schoße der kommunistischen Gemeinde alle möglichen Arbeitszweige spezialisiert und gesondert waren, das heißt, daß die Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft bis zu einem sehr hohen Grad der Entwicklung gediehen war, so daß bei dem Eintritt jener Katastrophe, die das Gemeineigentum abgeschafft und die Privatproduktion mit Austausch herbeigeführt hatte, die Arbeitsteilung als Grundlage des Austausches bereits fertig war. Diese Annahme ist geschichtlich unzutreffend. Innerhalb der primitiven Gesellschaftszustände ist, solange das Gemeineigentum besteht, die Arbeitsteilung nur sehr wenig, erst keimartig entwickelt. Wir haben das an dem Beispiel der indischen Dorfgemeinde gesehen. Nur etwa 12 Personen waren aus der Klasse der Gemeindeeinwohner ausgeschieden und mit besonderen Berufen betraut, darunter eigentliche Handwerker nur sechs: der Schmied. der Zimmermann, der Töpfer, der Barbier, der Wäscher und der |718| Silberschmied. Die meisten Handwerksarbeiten, wie das Spinnen, Weben, Kleidermachen, Backen, Schlachten, Wurstmachen usw., das alles wurde von jeder Familie als Nebenbeschäftigung neben der landwirtschaftlichen Hauptarbeit zu Hause betrieben, wie dies auch jetzt noch in vielen Dörfern in Rußland der Fall ist, insofern die Bevölkerung nicht bereits in den Austausch, in den Handel hineingezogen ist. Die Arbeitsteilung, das heißt die Absonderung einzelner Arbeitszweige als ausschließliche Spezialberufe, kann sich nämlich erst richtig entwickeln, wenn das Privateigentum und der Austausch bereits da sind. Erst das Privateigentum und der Austausch ermöglichen die Herausbildung besonderer Spezialberufe. Denn erst, wenn ein Produzent Aussicht hat, seine Produkte regelmäßig gegen andere auszutauschen, hat es für ihn Zweck, überhaupt sich der Spezialproduktion zu widmen. Und erst das Geld gibt jedem Produzenten die Möglichkeit, die Frucht seines Fleißes aufzubewahren und aufzuhäufen und dadurch auch den Antrieb zur möglichst ausgedehnten regelmäßigen Produktion für den Markt. Andererseits aber wird dieses Produzieren für den Markt und das Aufhäufen des Geldes nur dann einen Zweck für den Produzenten haben, wenn sein Produkt und dessen Erlös sein Privateigentum sind. In der kommunistischen Urgemeinde ist aber das Privateigentum gerade ausgeschlossen, und die Geschichte zeigt uns, daß das Privateigentum erst infolge des Austausches und der Spezialisierung der Arbeiten entstanden ist. So stellt es sich heraus, daß die Ausbildung der Spezialberufe, das heiß; die hochentwickelte Arbeitsteilung, nur bei Privateigentum und bei entwickeltem Austausch möglich ist. Andererseits aber ist es klar, daß der Austausch selbst nur dann möglich ist, wenn die Arbeitsteilung bereits vorhanden ist; denn welchen Zweck hätte der Austausch unter Produzenten, die alle ein und dasselbe produzieren? Erst wenn X zum Beispiel nur Stiefel produziert, während Y nur Brot bäckt, hat es Sinn und Zweck, daß die beiden ihre Produkte austauschen. So stoßen wir auf einen seltsamen Widerspruch: Der Austausch ist nur möglich bei Privateigentum und bei entwickelter Arbeitsteilung, die Arbeitsteilung kann aber erst infolge des Austausches und auf Grundlage des Privateigentums entstehen, das Privateigentum seinerseits entsteht aber erst durch den Austausch. Es ist dies, wenn Sie näher zusehen, sogar ein doppelter Widerspruch: Die Arbeitsteilung muß vor dem Austausch da sein, und der Austausch soll zugleich vor der Arbeitsteilung schon da sein; ferner: Das Privateigentum ist die Voraussetzung für die Arbeitsteilung und den Austausch, es kann sich aber selbst nicht anders entwickeln als erst aus der Arbeitsteilung und dem Austausch. Wie ist eine solch Verschlingung möglich. Wir drehen uns da |719| offenbar im Kreise, und schon der erste Schritt aus der primitiven kommunistischen Urgemeinde heraus erscheint als ein Unmöglichkeit. Die menschliche Gesellschaft war da anscheinend in einen Widerspruch eingeklemmt, von dessen Lösung der weitere Fortgang der Entwicklung abhing. Nun, die Ausweglosigkeit ist nur eine scheinbare. Ein Widerspruch ist freilich für [die] einzelnen Menschen im gewöhnlichen Leben etwas Unübersteigbares, im Leben der Gesellschaft im ganzer jedoch finden Sie bei näherem Zusehen solche Widersprüche auf Schritt und Tritt. Was heute als Ursache einer anderen Erscheinung auftritt, ist morgen ihre Wirkung und umgekehrt, ohne daß dieser fortwährende Wechsel in den Beziehungen das Leben der Gesellschaft aufhält. Im Gegenteil. Der Einzelmensch kann, wo er in seinem Privatleben vor einem Widerspruch steht, keinen Schritt weiter machen. Es wird in bezug auf das tägliche Leben sogar so sehr angenommen, der Widerspruch sei etwas Unmögliches, daß ein Angeklagter, der sich vor dem Gericht in Widersprüche verwickelt. dadurch schon als der Unwahrheit überführt gilt, und die Widersprüche können ihn unter Umständen ins Zuchthaus oder gar an den Galgen bringen. Die menschliche Gesellschaft im ganzen verwickelt sich aber fortwährend in Widersprüche, sie geht aber daran nicht zugrunde, sondern tritt umgekehrt erst dann in Bewegung, wo sie in Widersprüchen steckt. Der Widerspruch im Leben der Gesellschaft löst sich nämlich immer in Entwicklung, in neue Fortschritte der Kultur auf. Der große Philosoph Hegel sagt: "Der Widerspruch ist das Fortleitende."[1] Und diese Bewegung in lauter Widersprüchen ist eben die wirkliche Art der Entwicklung der menschlichen Geschichte. Auch im gegebenen Fall, der uns hier interessiert, das heißt bei dem Übergang der kommunistischen Gesellschaft zum Privateigentum mit Arbeitsteilung und Austausch, hat sich der Widerspruch, den wir gefunden haben, in eine besondere Entwicklung, in einen langen geschichtlichen Vorgang aufgelöst. Dieser Vorgang jedoch war, abgesehen von den von uns angebrachten Korrekturen, im Wesen genau der von uns gegebenen Darstellung entsprechend.

Vor allem beginnt der Austausch tatsächlich schon in den primitiven Urzuständen mit Gemeineigentum, und zwar, wie wir es auch angenommen haben, in der Form von Tauschhandel, das heißt Produkt direkt gegen Produkt. Den Tauschhandel finden wir schon auf sehr frühen Kulturstufen der Menschheit. Da jedoch zum Austausch, wie dargelegt, das Privateigentum der beiden Austauschenden gehört und ein solches innerhalb der pri- |720| mitiven Gemeinde unbekannt ist, so vollzog sich auch der erste Tauschhandel nicht innerhalb der Gemeinde oder des Stammes, sondern außerhalb, nicht zwischen den Mitgliedern eines und desselben Stammes, einer und derselben Gemeinde, sondern zwischen verschiedenen Stämmen und Gemeinden, wo sie miteinander in Berührung kamen. Und zwar ist es hier nicht etwa ein einzelnes Mitglied eines Stammes, das mit einem anderen Stammfremden handelt, sondern es sind die Stämme, die Gemeinden als ganze, die miteinander in Tauschhandel treten, wobei sie durch ihre Oberhäupter handeln. Jene landläufige Vorstellung der Gelehrten der Nationalökonomie von einem Urjäger und Urfischer, die in der ersten Morgendämmerung der menschlichen Kultur in den Urwäldern Amerikas miteinander ihre Fische und ihr Wild austauschen, ist also ein doppeltes historisches Trugbild. Nicht nur existierten in den Urzeiten, wie wir gesehen, keine isolierten, für sich lebenden und arbeitenden Individuen, sondern auch ein Tauschhandel zwischen Einzelmensch und Einzelmensch hat sich erst um Jahrtausende später herausgebildet. Zunächst kennt die Geschichte nur miteinander handeltreibende Stämme und Völker. "Wilde Völ,ker", sagt Lafitau in seinem Werke über die amerikanischen Wilden, "treiben fortwährend Tausch miteinander. Ihr Handel hat das Gemeinsame mit dem Handel des Altertums, daß er einen unmittelbaren Austausch von Produkten gegen Produkt darstellt. Jedes von diesen Völkern besitzt etwas, was die anderen nicht haben, und der Handel überträgt alle diese Dinge von einem Volk zum anderen. Dahin gehören Korn, Töpferwaren, Pelze, Tabak, Decken, Kähne, wildes Rindvieh, Hausgerätschaften, Amulette, Baumwolle, mit einem Wort alles, was zum Unterhalt des menschlichen Lebens gebraucht wird ... Ihr Handel wird mit dem Haupt des Stammes geführt, welches das ganze Volk vertritt."(1)

Ferner, wenn wir bei unserer früheren Darlegung den Austausch mit einem Einzelfall - dem Tausch zwischen Schuster und Bäcker - begannen und dies als etwas Zufälliges behandelten, so entspricht auch dies der strengen historischen Wahrheit. Im Anfang ist der Austausch zwischen den einzelnen wilden Stämmen und Völkern etwas rein Zufälliges, Unregelmäßiges; auch hängt es von den mehr zufälligen Begegnungen und Berührungen unter ihnen ab. Deshalb sehen wir den regelmäßigen Tauschhandel am frühesten bei den Nomadenvölkern aufkommen, weil sie durch |721| ihren häufigen Ortswechsel am häufigsten mit anderen Völkern in Berührung kamen.[2] Solange der Austausch zufällig ist, wird auch nur der Überfluß an Produkten, das, was nach der Deckung des eigenen Bedarfs bei dem Stamme oder der Gemeinde übrigbleibt, im Tausch gegen anderes geboten. Mit der Zeit jedoch, je häufiger sich der zufällige Austausch wiederholt, um so mehr wird er zur Gewohnheit, dann zur Regel, und nach und nach beginnt man direkt für den Austausch die Produkte herzustellen. Die Stämme und Völker spezialisieren also zum Zwecke des Austausches immer mehr irgendeinen oder einige Produktionszweige. Die Arbeitsteilung zwischen den Stämmen und Gemeinden entwickelt sich. Dabei bleibt der Handel noch sehr lange reiner Tauschhandel, das heißt direkter Austausch von Produkt gegen Produkt. In vielen Gegenden der Vereinigten Staaten war noch Ende des 18. Jahrhunderts der Tauschhandel verbreitet. In Maryland setzte die gesetzgebende Versammlung die Proportionen fest, in denen Tabak, Öl, Schweinefleisch und Brot gegeneinander ausgetauscht werden sollten. In Corrientes liefen noch im Jahre 1815 hausierende Jungen auf den Straßen mit dem Ausruf: "Salz für Kerzen, Tabak für Brot!" In den russischen Dörfern wurde noch bis in die neunziger Jahre, zum Teil jetzt noch von umherziehenden Hausierern, sogenannten Prasols, mit den Bauern einfacher Tauschhandel getrieben. Allerlei Kleinigkeiten, wie Nadeln, Fingerhüte, Bänder, Knöpfe, Pfeifer., Seife usw., rauschen sie gegen Borsten, Daunen, Hasenfelle und dergleichen aus. Ähnlichen Handel treiben in Rußland die mit ihren Wagen herumziehenden Töpfer, Blechschmiede usw., die ihre eigenen Erzeugnisse gegen Korn, Flachs, Hanf, Leinwand usw. tauschen.(2) Mit der Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Austauschgelegenheiten sondert sich aber schon sehr früh von selbst in jeder Gegend, bei jedem Stamme diejenige Ware aus, die am leichtesten herzustellen ist, also am häufigsten in den Tausch gebracht werden kann, oder aber umgekehrt diejenige, die am meisten fehlt, also allgemein begehrt wird. Eine solche Rolle spielen zum Beispiel das Salz und die Datteln in der Wüste Sahara, der Zucker im englischen Westindien, Tabak in Virginien und Maryland, der sogenannte Ziegeltee (ein hartes Gemisch von Teeblättern und Fett in Form von Ziegeln) in Sibirien, das Elfenbein bei den Afrikanegern, Kakaobohnen im alten Mexiko. Somit führen schon die klimatischen und Bodenbesonderheiten der verschiedenen |722| Gegenden zur Aussonderung einer "allgemeinen Ware", die als Grundlage des ganzen Handels und Vermittlerin aller Tauschgeschäfte zu dienen geeignet ist. Dasselbe ergibt sich mit der späteren Entwicklung aus der besonderen Beschäftigung jedes Stammes. Bei den Jägervölkern ist das Wild selbstverständlich die von ihnen für alle möglichen Produkte gebotene "allgemeine Ware". Im Handel der Hudsonbaigesellschaft spielen diese Rolle die Biberfelle. Bei den Fischerstämmen sind Fische die natürlichen Vermittler aller Tauschgeschäfte. Nach der Erzählung eines französischen Reisenden wird auf den Shetlandinseln sogar beim Kauf eines Theaterbilletts der Rest in Fischen herausgegeben.[3] Die Notwendigkeit einer solchen allgemein beliebten Ware als allgemeiner Tauschvermittlerin wird manchmal sehr empfindlich fühlbar. So beschreibt zum Beispiel der bekannte Afrikareisende Samuel Baker seinen Tauschhandel mit den Negerstämmen im Innern Afrikas: "Er wird immer schwerer, sich die Nahrungsmittel zu verschaffen. Die Eingeborenen verkaufen Mehl nicht anders als im Tausch gegen Fleisch. Deshalb verschaffen wir es uns folgendermaßen: Im Tausch gegen Kleider und Schuhe kaufen wir bei türkischen Kaufleuten eiserne 'Hämmer' (Spaten); für Hämmer kaufen wir einen Ochsen, dieser wird in ein entlegenes Dorf geführt, geschlachtet, und das Fleisch wird ungefähr in 100 Stücke zerteilt. Mit diesem Fleisch und mit drei großen Körben setzten sich meine Leute auf die Erde, die Eingeborenen kommen dann und schütten für jedes Stück Fleisch in die Körbe ein kleines Körbchen Mehl. Dies ein Beispiel des mühevollen mittelafrikanischen Mehlhandels."(3)

Mit dem Übergang zur Viehzucht wird das Vieh allgemeine Ware im Tauschhandel und allgemeiner Wertmaßstab. Dies war der Fall bei den alten Griechen, wie sie uns Homer beschreibt. Indem er zum Beispiel die Ausrüstung jedes Helden genau schildert und einschätzt, sagt er, daß das Rüstzeug des Glaukus 100 Rinder kostete, dasjenige von Diomedes 9 Rinder. Neben dem Vieh dienten aber zu jener Zeit bei den Griechen auch noch einige andere Produkte als Geld. Derselbe Homer sagt, daß bei der Belagerung Trojas für den Wein aus Lemnos bald Felle, bald Ochsen, bald Kupfer oder Eisen gezahlt wurde. Bei den alten Römern war, wie gesagt, der Begriff "Geld" mit Vieh identisch: ebenso galt bei den alten Germanen das Vieh als allgemeine Ware. Mit dem Übergang zur Land- |723| wirtschaft bekommen nun die Metalle, Eisen und Kupfer, eine hervorragende Bedeutung in der Wirtschaft, zum Teil als Stoff für Herstellung der Waffen, noch mehr aber als Stoff für landwirtschaftliche Arbeitsmittel. Das Metall wird mit seiner vermehrten Herstellung und verbreitetem Gebrauch allgemeine Ware und verdrängt das Vieh aus dieser Rolle. Zunächst wird es allgemeine Ware, eben weil es wegen seinem natürlichen Gebrauch - als Stoff für allerlei Werkzeuge - allgemein nützlich und begehrt ist. Auf diesem Stadium wird es auch als roher Stoff, in Barren und nur nach Gewicht, im Handel verwendet. Bei den Griechen war das Eisen, bei den Römern das Kupfer im allgemeinen Gebrauch, bei den Chinesen ein Gemisch von Kupfer und Blei. Erst viel später kommen in Gebrauch und auch in Handelsverkehr die sogenannten Edelmetalle: Silber und Gold. Doch auch diese werden noch sehr lange in ihrem rohen Zustande, ungemünzt. nach Gewicht, in Handel genommen.[4] Hier ist also noch sichtbar die Herkunft der allgemeinen Ware, der Geldware von einem einfachen zu irgendeinem Gebrauch nützlichen Produkt. Das einfache Stück Silber, das heute im Handel für Mehl gegeben wurde, mochte morgen noch direkt zur Anfertigung eines glänzenden Ritterschildes verwendet werden. Der ausschließliche Gebrauch des Edelmetalles als Geld, das heißt das gemünzte Geld war weder bei den alten Hindu noch bei den Ägyptern, noch auch bei den Chinesen bekannt. Auch die alten Juden kannten nur erst die Metallstücke nach Gewicht. So zahlte Abraham, wie es im Alten Testament heißt, als er bei Hebron die Grabstätte für Sara kaufte, wohlgewogene 400 Schekel Handelssilber. Man nimmt an, daß das Geldmünzen erst im 10. oder gar im 8. Jahrhundert v. Chr. aufgekommen ist, und zwar war dies zuerst von Griechen eingeführt. Von diesen lernten es die Römer, die ihre ersten Silber und Goldmünzen im 3. Jahrhundert v. Chr. verfertigten.[5] Mit dem Prägen von Geldstücken aus Gold und Silber erreicht die lange, Jahrtausende zählende Geschichte der Entwicklung des Austausches ihre vollste und reifste, endgültige Form.

Wir haben gesagt, daß das Geld, das heißt die allgemeine Ware, bereits ganz ausgebildet war, bevor man überhaupt die Metalle zum Geldanfertigen verwendete. Schon in der Viehform zum Beispiel hat das Geld tatsächlich genau dieselben Funktionen im Austausch wie heute die Goldmünze: als Vermittler der Tauschgeschäfte, als Wertmesser, als Schatz- |724| mittel, als Verkörperung des Reichtums. Allein erst in der Form des Metallgeldes kommt die Bestimmung des Geldes auch in seiner äußeren Erscheinung zum Ausdruck. Wir haben gesehen: Der Austausch beginnt mit dem einfachen Tausch von zwei beliebigen Arbeitsprodukten. Er kommt zustande, weil der eine Produzent - die eine Gemeinde oder der Stamm - nicht ohne die Arbeitsprodukte anderer gut auskommen kann. Sie helfen einander mit ihren Arbeitserzeugnissen aus, indem sie sie tauschen. Mit der Häufigkeit und Regelmäßigkeit solcher Tauschgeschäfte stellt sich je ein Produkt als besonders bevorzugt, weil allgemein begehrt, heraus, und dieses wird zum Vermittler aller Tauschgeschäfte, zur allgemeinen Ware. An sich könnte jedes Arbeitsprodukt zu einer solchen Ware, das heißt zum Gelde werden: Stiefel oder Hüte, Leinwand oder Wolle, Vieh oder Korn, und wir sehen auch, daß verschiedenste Waren zeitweise diese Rolle spielten. Welche Ware gerade gewählt wird, hängt nur von den besonderen Bedürfnissen oder von der besonderen Beschäftigung des Volkes ab.

Das Vieh wird zunächst allgemein beliebt als nützliches Produkt, als Lebensmittel. Mit der0 Zeit aber wird es hauptsächlich als Geld begehrt und genommen. Denn als solches dient das Vieh jedermann dazu, die Früchte seiner Arbeit in einer solchen Form aufzubewahren, die jederzeit austauschbar gegen jedes beliebige Arbeitsprodukt der Gesellschaft ist. Das Vieh, sagten wir, ist im Unterschied von allen anderen Privatprodukten das einzige direkt gesellschaftliche, weil jederzeit unbeschränkt austauschbare Produkt. Aber im Vieh kommt doch noch die Doppelnatur der Geldware stark zum Ausdruck: Ein Blick auf das Vieh zeigt, daß es doch, trotzdem es allgemeine Ware, gesellschaftliches Produkt ist, zugleich ein einfaches Lebensmittel ist, das man schlachten und verzehren kann, ein gewöhnliches Produkt der menschlichen Arbeit, der Arbeit des Hirtenvolks. In der Goldmünze hingegen ist schon jede Erinnerung an die Herkunft des Geldes von einem einfachen Produkt verschwunden. Das geprägte Goldscheibchen ist an sich zu nichts anderem tauglich, hat gar keinen anderen Gebrauch, denn als Tauschmittel, als allgemeine Ware zu dienen. Es ist überhaupt nur noch Ware insofern, als es auch wie jede andere Ware Produkt der menschlichen Arbeit ist, der Arbeit des Goldgräbers und des Goldschmieds, aber es hat jeden Privatgebrauch als Lebensmittel verloren, es ist eben nichts als ein Stück menschliche Arbeit ohne jede für das Privatleben nützliche und gebräuchliche Form, es hat gar keinen Gebrauch mehr als privates Lebensmittel, Nahrung, Kleidung oder Schmucksache oder was es sei, es hat nur noch den rein gesellschaftlichen Gebrauch zum |725| Zweck: als Vermittler im Austausch anderer Waren zu dienen. Und deshalb gerade kommt erst in dem an sich sinnlosen und zwecklosen Gegenstand: in der Goldmünze, der rein gesellschaftliche Charakter des Geldes, der allgemeinen Ware, zum reinsten und reifsten Ausdruck.

Die Folgen der endgültigen Ausbildung des Geldes in der Metallform sind: starke Verbreitung des Handels und Verfall aller Gesellschaftsverhältnisse, die früher nicht auf den Handel, sondern auf den Selbstverbrauch gerichtet waren.[6] Die alte kommunistische Gemeinde wird durch den Handel zerrüttet, denn dieser beschleunigt die Ungleichheit des Vermögens unter ihren Mitgliedern, den Zusammenbruch des Gemeineigentums und schließlich den Zerfall der Gemeinde selbst.[7] Die kleine freie Bauernwirtschaft, die zuerst nur für sich alles produziert und nur den Überfluß verkauft, um das Geld in den Strumpf zu tun, wird nach und nach, namentlich durch die Einführung der Geldsteuern, gezwungen, schließlich ihr ganzes Produkt zu verkaufen, um hinterher nicht nur Nahrung, Kleidung, Hausgeräte, sondern sogar das Korn zur Aussaat zu kaufen. Das Beispiel einer solchen Verwandlung der Bauernwirtschaft aus einer für den Eigenbedarf produzierenden in eine für den Markt produzierende und dadurch ganz ruinierte haben wir erst vor unseren Augen in den letzten Jahrzehnten in Rußland erlebt. In der altertümlichen Sklaverei bringt der Handel eine tiefe Veränderung mit sich. Solange die Sklaven nur zur Hauswirtschaft gebraucht wurden, zu landwirtschaftlichen oder Handwerksarbeiten für den Bedarf des Herrn und seiner Familie, trug die Sklaverei noch einen patriarchalischen, milden Charakter. Erst wie die Griechen und später die Römer in den Geschmack des Geldes gekommen waren und für den Handel produzieren ließen, beginnt eine unmenschliche Schinderei der Sklaven, die schließlich zu den Massenaufständen der Sklaven führte, die zwar an sich ganz aussichtslos, aber Vorboten und deutliche Zeichen waren, daß die Sklaverei sich überlebt, eine unhaltbare Ordnung geworden war.[8] Genau dasselbe wiederholt sich im Mittelalter mit den Fronverhältnissen. Zuerst waren sie ein Schutzverhältnis, für das die Bauernschaft dem adeligen Schutzherrn eine ganz bestimmte mäßige Abgabe in Naturprodukten oder Arbeitsleistung schuldete, die zum Eigenbedarf der Herrschaft dienten. Später, als der Adel die Annehmlichkeiten des Geldes kennengelernt hatte, wurden die Leistungen und Abgaben zum |726| Zwecke des Handels immer mehr erhöht, das Fronverhältnis wird zur Leibeigenschaft, der Bauer wird geschunden bis zu den äußersten Grenzen. Zum Schluß führt dieselbe Verbreitung des Handels und Herrschaft des Geldes zur Ablösung der Naturalleistungen aus der Leibeigenschaft in Geldabgaben. Damit hat aber auch die Stunde der ganzen überlebten Fronverhältnisse geschlagen.[9]

Endlich bringt der Handel im Mittelalter die freien Städte zu Macht und Reichtum, führt aber dadurch auch noch die Zersetzung und den Verfall des alten Zunfthandwerks herbei. Sehr früh wird durch das Aufkommen des Metallgeldes namentlich der Welthandel aufgebracht. Schon im Altertum widmen sich besondere Völker wie die Phönizier der Kaufmannsrolle zwischen den Völkern, um auf diesem Wege Geldmassen an sich zu bringen und Reichtümer in Geldform zu sammeln. Im Mittelalter fällt diese Rolle den freien Städten, zuerst den italienischen Städten zu. Nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien am Ende des 15. Jahrhunderts erfährt der Welthandel eine plötzliche große Erweiterung: Die neuen Länder boten sowohl neue Produkte für den Handel wie neue Goldminen, das heiße Geldstoff.[10] Nach der enormen Goldeinfuhr aus Amerika im 16. Jahrhundert kommen die norddeutschen Städte - hauptsächlich die Hansastädte - durch den Welthandel zu enormen Reichtümern, dann Holland und England. Damit wird in den europäischen Städten und zum großen Teil auch auf dem flachen Lande die Warenwirtschaft, das heißt die Produktion für den Austausch, zur herrschenden Form des Wirtschaftslebens. So beginnt der Austausch aus leisen, unmerklichen Anfängen schon in grauer Vorzeit an den Grenzen der wilden kommunistischen Stämme, rankt sich empor und wächst neben allen sukzessiven planmäßigen Wirtschaftsorganisationen, wie freie einfache Bauernwirtschaft, orientalische Despotie, antike Sklaverei, mittelalterliches Fronverhältnis, städtisches Zunftregiment, um sie nacheinander alle zu zerfressen und zum Zusammenbruch bringen zu helfen und schließlich die völlig anarchische, planlose Wirtschaft isolierter Privatproduzenten als alleinige und allgemein herrschende Wirtschaftsform zur Herrschaft zu bringen.[11]



Fußnoten von Rosa Luxemburg

(1) [Lafitau:] Moeurs des sauvages américaines comparées aux moeurs des premiers temps, [Paris] 1724, Bd. II, S. 322/323. zit. nach: Sieber [N. J. Siber: Dawid Rikardo i Karl Marks b ich obstschestwenno - ekonomischeskich issledowanijach. In: Isbrannyje ekonomitscheskije proiswedenija w dwuch tomach, Bd. 1, Moskau 1959], S. 245. <=

(2) Sieber [N. J. Siber: Dawid Rikardo i Karl Marks b ich obstschestwenno - ekonomischeskich issledowanijach. In: Isbrannyje ekonomitscheskije proiswedenija w dwuch tomach, Bd. 1, Moskau 1959], S. 245/246. <=

(3) [Samuel Baker:] Reise zu den Nilquellen [Der Albert Nyanza, das große Becken des Nil und die Erforschung der Nilquellen, Erster Band, Jena 1867], S. 3 <=



Redaktionelle Anmerkungen

[1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik, Zweiter Teil, hrsg. von Georg Lassau, Berlin 1971, S. 31 32. Siehe auch: S. 48-62. <=

[2] Randnotiz R. L.: NB. Vorhist. Funde! Vor allem Nomadentum. <=

[3] Randnotiz R. L.: Sieber [N. J. Siber: Dawid Rikardo i Karl Marks b ich obstschestwenno - ekonomischeskich issledowanijach. In: Isbrannyje ekonomitscheskije proiswedenija w dwuch tomach, Bd. 1, Moskau 1959], S. 246. <=

[4] Randnotiz R. L.: Warum Edelmetalle bei der Rolle geblieben? <=

[5] Randnotiz R. L.: Sieber [N. J. Siber: Dawid Rikardo i Karl Marks b ich obstschestwenno - ekonomischeskich issledowanijach. In: Isbrannyje ekonomitscheskije proiswedenija w dwuch tomach, Bd. 1, Moskau 1959], S. 247. <=

[6] Randnotiz R. L.: NB. Ersatz der Nutzmetalle durch Edelmetalle nb. Gold. <=

[7] Randnotiz R. L.: Ausführlicher. <=

[8] Randnotiz R. L.: Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1. S. 197. [Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 249/250] <=

[9] Randnotiz R. L.: Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1. S. 198-200. [Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 250-253] <=

[10] Randnotiz R. L.: NB. Fauxfrais [Unkosten] der planlosen Gesellschaft; im Geld muß sie sozusagen noch einmal ihren ges. Reichtum herstellen. <=

[11] Randnotiz R. L.: NB. Kulturbedeutung des Handels seit Prähistorie. intern. Zusammenhang! <=