Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie - III. 4
III. 3 | Inhaltsverzeichnis | IV. 1
Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 643-652.
1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.
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|643| Wer an das Studium der Wirtschaftsgeschichte herantritt, wer die verschiedenen Formen kennenlernen will, in denen sich die ökonomischen Verhältnisse der Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung dargestellt haben, muß sich vor allem darüber klarwerden, welches Merkmal der ökonomischen Verhältnisse er zum Prüfstein und zum Maßstab dieser Entwicklung nehmen soll. Um sich in der Fülle der Erscheinungen auf einem bestimmten Gebiete zurechtzufinden und namentlich um ihre historische Reihenfolge aufzufinden, muß man volle Klarheit über dasjenige Moment erlangen, das gewissermaßen die innere Achse ist, um die sich die Erscheinungen drehen. Morgan hat zum Beispiel als Maßstab der Kulturgeschichte und Prüfstein ihrer jeweiligen Höhe ein ganz bestimmtes Moment: die Entwicklung der Produktionstechnik, genommen. Er hat damit in der Tat das gesamte Kulturdasein der Menschheit sozusagen an der Wurzel gepackt, ihre Wurzel bloßgelegt. Für unsere Zwecke, für die Wirtschaftsgeschichte, genügt der Morgansche Maßstab nicht. Die Technik der gesellschaftlichen Arbeit zeigt genau die jeweilig erreichte Stufe in der Beherrschung der äußeren Natur durch die Menschen. Jeder neue Schritt in der Vervollkommnung der Produktionstechnik ist zugleich ein Schritt in der Unterjochung der physischen Natur durch den menschlichen Geist und deshalb ein Schritt in der Entwicklung der allgemeinen menschlichen Kultur. Wollen wir jedoch speziell die Formen der Produktion in der Gesellschaft untersuchen, dann genügt uns das Verhältnis der Menschen zur Natur nicht, uns interessiert dann in erster Linie eine andere Seite der menschlichen Arbeit: die Verhältnisse, in denen die Menschen bei der Arbeit zueinander stehen, das heißt, uns interessiert nicht die Technik der Produktion, sondern ihre gesellschaftliche Organisation. Es ist für die Kulturstufe eines primitiven Volkes sehr bezeichnend, wenn wir wissen, daß dieses Volk die Töpferscheibe kennt und Töpferei betreibt. Morgan nimmt diesen bedeutenden Fortschritt in der Technik zum Markstein einer ganzen Kulturperiode, die er als den Übergang von der Wildheit zur Barbarei bezeichnet. Über die Produktionsform dieses Volkes können wir auf Grund der angeführten Tatsache noch sehr wenig urteilen. Dazu müßten wir erst eine ganze Reihe von Umständen erfahren, wie zum Beispiel, wer in der Gesellschaft die Töpferkunst betreibt, ob alle Mitglieder der Gesellschaft oder aber nur ein Teil, etwa ein Geschlecht, die Frauen, die Gemeinschaft mit Töpfen versorgt, ob die hergestellten Produkte der Töpferkunst nur für den eigenen Gebrauch der Gemeinschaft, etwa des Dorfes, |644| verwendet werden oder aber zum Austausch mit anderen dienen, ob die Produkte jeder Person, die die Töpferei betreibt, nur von ihr selbst benutzt werden oder aber sämtliche hergestellte Dinge insgemein allen Mitgliedern der Gemeinschaft dienen. Man sieht, es sind mannigfaltige gesellschaftliche Beziehungen, die den Charakter der Produktionsform in einer Gesellschaft bestimmen können: Arbeitsteilung, Verteilung der Produkte unter die Konsumenten, Austausch. Aber all diese Seiten des wirtschaftlichen Lebens sind selbst bestimmt durch einen ausschlaggebenden Faktor der Produktion. Daß die Verteilung der Produkte sowie der Austausch selbst nur Folgeerscheinungen sein können, erhellt auf den ersten Blick. Damit die Produkte unter die Konsumenten verteilt oder ausgetauscht werden können, müssen sie vor allem erst hergestellt werden. Die Produktion selbst also ist das erste und wichtigste Moment des wirtschaftlichen Lebens der Gesellschaft. Im Prozesse der Produktion aber ist das entscheidende: In welchem Verhältnisse stehen die Arbeitenden zu ihren Produktionsmitteln? Jede Arbeit erfordert bestimmte Rohstoffe, eine bestimmte Arbeitsstätte und dann - bestimmte Werkzeuge. Wir wissen bereits, eine wie hohe Bedeutung den Werkzeugen der Arbeit und ihrer Herstellung im Leben der menschlichen Gesellschaft zukommt. Die menschliche Arbeitskraft tritt hinzu, um mit diesen Werkzeugen und den übrigen toten Produktionsmitteln die Arbeit zu verrichten und die zum Leben der Gesellschaft nötigen Konsummittel im weitesten Sinne herzustellen. Das Verhältnis nun der arbeitenden Menschen zu ihren Produktionsmitteln ist die erste Frage der Produktion und ihr ausschlaggebender Faktor. Wir meinen hier nicht das technische Verhältnis, nicht die größere oder geringere Vollkommenheit der Produktionsmittel, mit denen die Menschen arbeiten, nicht die Art und Weise, wie sie bei ihrer Arbeit verfahren. Wir meinen das gesellschaftliche Verhältnis von menschlicher Arbeitskraft und den toten Produktionsmitteln, nämlich die Frage, wem die Produktionsmittel gehören. Im Laufe der Zeiten hat sich dieses Verhältnis vielfach geändert. Jedesmal änderte sich aber damit auch der ganze Charakter der Produktion, die Gestaltung der Arbeitsteilung, die Verteilung der Produkte, die Richtung und der Umfang des Austausches und schließlich das ganze materielle und geistige Leben der Gesellschaft. Je nachdem die Arbeitenden ihre Produktionsmittel gemeinsam besitzen oder jeder einzelne für sich oder gar nicht besitzen, sondern umgekehrt zusammen mit den Produktionsmitteln selbst als Produktionsmittel Eigentum Nichtarbeitender sind oder als Unfreie an die Produktionsmittel gefesselt oder als Freie, die keine Produktionsmittel besitzen, gezwungen sind, ihre Arbeitskraft |645| als Produktionsmittel zu verkaufen - haben wir eine kommunistische Produktionsform oder kleinbäuerliche und handwerksmäßige oder eine Sklavenwirtschaft oder auf Hörigkeit beruhende Fronwirtschaft oder endlich kapitalistische Wirtschaft mit Lohnsystem. Und jede dieser Wirtschaftsformen hat ihre eigentümliche Art der Arbeitsteilung, der Verteilung der Produkte, des Austausches, des sozialen, rechtlichen und geistigen Lebens. Es genügte in der Wirtschaftsgeschichte der Menschen, daß sich das Verhältnis zwischen Arbeitenden und den Produktionsmittel radikal veränderte, damit jedesmal auch alle anderen Seiten des wirtschaftlichen, politischen und geistigen Lebens sich radikal veränderten, damit eine ganz neue Gesellschaft entsteht. Es besteht freilich zwischen allen diesen Seiten des ökonomischen Lebens der Gesellschaft eine fortwährende Wechselwirkung. Nicht bloß das Verhältnis der Arbeitskraft zu den Produktionsmitteln beeinflußt die Arbeitsteilung, die Verteilung der Produkte, den Austausch, sondern auch diese wirken ihrerseits auf jenes Produktionsverhältnis zurück. Aber die Art der Einwirkung ist eine verschiedene. Die auf jeder Wirtschaftsstufe vorherrschende Art der Arbeitsteilung, der Verteilung der Reichtümer, namentlich der Austausch, mögen das Verhältnis zwischen der Arbeitskraft und den Produktionsmitteln, aus denen sie selbst erwachsen sind, nach und nach unterwühlen. Ihre Form wird erst dann verändert, wenn in dem veraltet gewordenen Verhältnis zwischen Arbeitskraft und Produktionsmitteln eine radikale Umwälzung, eine förmliche Revolution stattgefunden hat. So bilden die jeweiligen Umwälzungen in dem Verhältnis von Arbeitskraft und Produktionsmitteln die sichtbaren großen Meilensteine auf dem Wege der Wirtschaftsgeschichte, sie geben die natürlichen Epochen in dem ökonomischen Werdegang der menschlichen Gesellschaft ab.
Wie wichtig es für das Verständnis der Wirtschaftsgeschichte ist, sich über das Wesentliche dieser Geschichte klarzuwerden, es vom Unwesentlichen zu unterscheiden, zeigt eine Prüfung derjenigen Einteilung der Wirtschaftsgeschichte, die heute die gangbarste und gefeiertste in der bürgerlichen Nationalökonomie in Deutschland ist. Wir meinen die Einteilung des Professors Bücher. In seiner "Entstehung der Volkswirtschaft" setzt Professor Bücher auseinander, wie wichtig eine richtige Einteilung der Wirtschaftsgeschichte in Epochen für ihr Verständnis ist. Seiner Gepflogenheit gemäß tritt er aber nicht einfach an die Frage heran, um uns das Werk seiner rationellen Untersuchungen vorzuführen, sondern bereitet uns erst auf die richtige Würdigung seines Werkes vor, indem er sich über die Unzulänglichkeit aller seiner Vorgänger mit breiter Behaglichkeit ausläßt.
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|646| "Die erste Frage", sagt er, "welche sich der Nationalökonom zu stellen hat, der die Wirtschaft eines Volkes in einer weit zurückliegenden Epoche verstehen will, wird die sein: Ist die Wirtschaft Volkswirtschaft; sind ihre Erscheinungen wesensgleich mit derjenigen unserer heutigen Verkehrswirtschaft, oder sind beide wesentlich voneinander verschieden? Diese Frage aber kann nur beantwortet werden, wenn man es nicht verschmäht, die ökonomischen Erscheinungen der Vergangenheit mit denselben Mitteln der begrifflichen Zergliederung, der psychologisch-isolierenden Deduktion zu untersuchen, die sich an der Wirtschaft der Gegenwart in den Händen der Meister der alten 'abstrakten' Nationalökonomie so glänzend bewährt haben.
Man wird der neueren 'historischen' Schule den Vorwurf nicht ersparen können, daß sie, anstatt durch derartige Untersuchungen in das Wesen früherer Wirtschaftsepochen einzudringen, fast unbesehen die gewohnten, von den Erscheinungen der modernen Volkswirtschaft abstrahierten Kategorien auf die Vergangenheit übertragen oder daß sie an den verkehrswirtschaftlichen Begriffen so lange herumgeknetet hat, bis sie wohl oder übel für alle Wirtschaftsepochen passend erschienen ... Nirgends ist dies deutlicher zu erkennen als an der Art, wie man die Unterschiede der gegenwärtigen Wirtschaftsweise der Kulturvölker gegenüber der Wirtschaft vergangener Epochen oder kulturarmer Völker charakterisiert. Es geschieht das durch die Aufstellung sogenannter Entwicklungsstufen, in deren Bezeichnung man schlagwortartig die Grundzüge des wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungsganges zusammenfaßt ... Alle älteren derartigen Versuche leiden an dem Übelstande, daß sie nicht in das Wesen der Dinge hineinführen, sondern an der Oberfläche haftenbleiben."(1)
Welche Einteilung der Wirtschaftsgeschichte schlägt nun Professor Bücher vor? Hören wir zu.
"Wollen wir diese ganze Entwicklung unter einem Gesichtspunkte begreifen, so kann dies nur ein Gesichtspunkt sein, der mitten hineinführt in die wesentlichen Erscheinungen der Volkswirtschaft, der uns aber auch zugleich das organisatorische Moment der früheren Wirtschaftsperioden aufschließt. Es ist dies kein anderer als das Verhältnis, in welchem die Produktion der Güter zur Konsumtion derselben steht, erkennbar an der Länge des Weges, welchen die Güter vom Produzenten bis zum Konsumenten zurücklegen. Unter diesem Gesichtspunkte gelangen wir dazu, die gesamte wirtschaftliche Entwicklung, wenigstens für die zentral- und west- |647| europäischen Völker, wo sie sich mit hinreichender Genauigkeit historisch verfolgen läßt, in drei Stufen zu teilen:
1. die Stufe der geschlossenen Hauswirtschaft (reine Eigenproduktion, tauschlose Wirtschaft), auf welcher die Güter in derselben Wirtschaft verbraucht werden, in der sie entstanden sind;
2. die Stufe der Stadtwirtschaft (Kundenproduktion oder Stufe des direkten Austausches), auf welcher die Güter aus der produzierenden Wirtschaft unmittelbar in die konsumierende übergehet;
3. die Stufe der Volkswirtschaft (Warenproduktion, Stufe des Güterumlaufs), auf welcher die Güter in der Regel eine Reihe von Wirtschaften passieren müssen, ehe sie zum Verbrauch gelangen."(2)
Dieses Schema der Wirtschaftsgeschichte ist zunächst durch das interessant, was es nicht enthält. Für Professor Bücher beginnt die Wirtschaftsgeschichte mit der Markgenossenschaft der europäischen Kulturvölker, also bereits mit dem höheren Ackerbau. Die ganze jahrtausendelange Zeitstrecke der primitiven Produktionsverhältnisse, die dem höheren Ackerbau vorausgingen, Verhältnisse, in denen sich jetzt noch zahlreiche Völkerschaften befinden, charakterisiert Bücher, wie wir wissen, als "Nichtwirtschaft", als Periode seiner famosen "individuellen Nahrungssuche" und der "Nichtarbeit". Die Wirtschaftsgeschichte beginnt Professor Bücher somit mit jener spätesten Form des Urkommunismus, in der mit der Ansässigkeit und dem höheren Ackerbau bereits die Ansätze der unvermeidlichen Zersetzung und des Übergangs zur Ungleichheit, Ausbeutung und Klassengesellschaft gegeben sind. Grosse bestreitet den Kommunismus in der ganzen Entwicklungsperiode vor der ackerbauenden Markgenossenschaft. Bücher streicht jene Periode überhaupt aus der Wirtschaftsgeschichte.
Die zweite Stufe der "geschlossenen Stadtwirtschaft" ist eine andere epochemachende Entdeckung, die wir dem "genialen Blick" des Leipziger Professors verdanken, wie Schurtz sagen würde. Wenn die "geschlossene Hauswirtschaft" zum Beispiel einer Markgenossenschaft dadurch charakterisiert war, daß sie einen Kreis von Personen umschloß, die alle ihre ökonomischen Bedürfnisse innerhalb dieser Hauswirtschaft befriedigten, so ist in der mittelalterlichen Stadt Mittel- und Westeuropas - denn diese nur versteht Bücher unter seiner "Stadtwirtschaft" - gerade das Gegenteil der Fall. In der mittelalterlichen Stadt gibt es nicht irgendeine gemeinsame "Wirtschaft", sondern - um im eigenen Jargon des Professors Bücher zu reden - ebensoviel "Wirtschaften" wie Werkstätten und Haushaltungen der Zunfthandwerker, von denen jede für sich - wenn auch unter allge- |648| meinen Zunft und Stadtregeln - produzierte, verkaufte und konsumierte. Aber auch im ganzen bildete die mittelalterliche Zunftstadt in Deutschland oder in Frankreich kein "abgeschlossenes" Wirtschaftsgebiet, denn ihre Existenz war gerade auf den gegenseitigen Austausch mit dem platten Lande gestützt, von dem sie Nahrungsmittel und Rohstoffe bezog und für das sie gewerbliche Produkte verfertigte. Bücher konstruiert sich um jede Stadt einen geschlossenen Umkreis des platten Landes, den er in seine "Stadtwirtschaft" einschließt, indem er bequemlichkeitshalber den Austausch zwischen Stadt und Land nur zum Austausch mit Bauern der nächsten Umgebung reduziert. Die Fronhöfe der reichen Feudalherren, die die besten Kunden des städtischen Handels waren und die teils weit von der Stadt auf dem Lande zerstreut, teils mitten in der Stadt - namentlich in den kaiserlichen und bischöflichen Städten - ihren Hauptsitz hatten, hier aber ein eigenes Wirtschaftsgebiet bildeten, läßt er ganz außer Betracht, ebenso wie er vom auswärtigen Handel, der für die mittelalterlichen Wirtschaftsverhältnisse und namentlich für die Schicksale der Städte die größte Bedeutung hatte, ganz absieht. Das wirklich Charakteristische aber für die mittelalterlichen Städte: daß sie Mittelpunkte der Warenproduktion waren, die hier zum erstenmal zur herrschenden Produktionsform - wenn auch auf beschränktem Territorium - geworden war, beachtet Professor Bücher nicht. Umgekehrt beginnt bei ihm die Warenproduktion erst in der "Volkswirtschaft" - bekanntlich pflegt die bürgerliche Nationalökonomie mit dieser Fiktion das gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftssystem zu bezeichnen, also eine "Stufe" des Wirtschaftslebens, für die es gerade charakteristisch ist, daß sie eben nicht Warenproduktion, sondern kapitalistische Produktion ist. Grosse nennt die Warenproduktion schlechthin "Industrie", dafür verwandelt Professor Bücher Industrie schlechthin in "Warenproduktion", um die Überlegenheit eines Ökonomieprofessors über einen simplen Soziologen zu beweisen.
Doch wenden wir uns von diesen Nebensächlichkeiten zur Hauptfrage. Professor Bücher stellt als erste "Stufe" seiner Wirtschaftsgeschichte die "geschlossene Hauswirtschaft" auf. Was versteht er darunter? Wir haben bereits erwähnt, daß diese Stufe mit der ackerbauenden Dorfgemeinschaft beginnt. Aber außer der primitiven Markgenossenschaft zählt Professor Bücher zur Stufe der "geschlossenen Hauswirtschaft" noch andere historische Formen, nämlich die antike Sklavenwirtschaft der Griechen und Römer und den mittelalterlichen feudalen Fronhof. Die gesamte Wirtschaftsgeschichte der Kulturmenschheit, von der grauen Vorzeit einschließlich des klassischen Altertums und des ganzen Mittelalters bis an die |649| Schwelle der Neuzeit, findet sich umfaßt als eine "Stufe" der Produktion, der als zweite Stufe die mittelalterliche europäische Zunftstadt und als dritte - die heutige kapitalistische Wirtschaft entgegengestellt wird. In der Wirtschaftsgeschichte Professor Büchers rangieren also die kommunistische Dorfgemeinde, die irgendwo im Gebirgstal des Fünfstromlandes in Indien ihr stilles Dasein fristet, das Hauswesen des Perikles in der Glanzzeit der athenischen Kulturblüte und der feudale Hof des Bischofs von Bamberg im Mittelalter als eine und dieselbe "Wirtschaftsstufe". Aber jedes Kind, das einige oberflächliche Kenntnisse aus den Schulbüchern der Geschichte sein eigen nennt, muß begreifen, daß hier Verhältnisse unter einen Hut gebracht worden sind, die grundverschieden waren. Dort in den kommunistischen Agrargemeinden allgemeine Gleichheit der Bauernmasse im Besitz und Recht, keine Ständeunterschiede oder höchstens in keimartigem Zustand - hier im antiken Griechenland und Rom ebenso wie im feudalen mittelalterlichen Europa schroffste Ausbildung von Ständen in der Gesellschaft, Freie und Sklaven, Herren und Leibeigene, Bevorrechtete und Rechtlose, Reichtum und Armut oder Elend. Dort allgemeine Arbeitspflicht, hier gerade ein Gegensatz zwischen geknechteter Masse der Arbeitenden und der herrschenden Minderheit von Nichtarbeitenden. Und wiederum zwischen der antiken Sklavenwirtschaft der Griechen oder Römer und der mittelalterlichen Feudalwirtschaft bestand ein so gewaltiger Unterschied, daß die antike Sklaverei letzten Endes den Untergang der griechisch-römischen Kultur hervorgebracht hat, während der mittelalterliche Feudalismus das städtische Zunfthandwerk mit dem städtischen Handel und auf diesem Wege in letzter Linie den heutigen Kapitalismus aus seinem Schoße erzeugt hat. Wer also alle diese so himmelweiten ökonomischen und sozialen Formen und historischen Epochen unter einen Begriff, unter ein Schema bringt. muß einen gar originellen Maßstab an die Wirtschaftsepochen anlegen. Welchen Maßstab Professor Bücher anwendet, um die Nacht seiner "geschlossenen Hauswirtschaft" zu schaffen, in der alle Katzen grau sind, setzt er uns selbst auseinander, indem er in liebenswürdigster Weise in Klammern unserer Begriffsstutzigkeit zu Hilfe kommt. "Tauschlose Wirtschaft" heißt jene von dem Beginn der geschriebenen Geschichte bis zur Neuzeit sich erstreckende erste "Stufe", der die mittelalterliche Stadt als "Stufe des direkten Austausches" und das heutige Wirtschaftssystem als "Stufe des Güterumlaufs" angereiht werden. Also Nichtaustausch, einfacher Austausch oder komplizierter Austausch - mit etwas gewöhnlicheren Worten: Fehlen des Handels, einfacher Handel, entwickelter Welthandel -, das ist der Maßstab, den Professor Bücher an |650| die Wirtschaftsepochen anlegt. Ob der Kaufmann schon auf der Welt ist oder nicht, ob er mit dem Produzenten eine und dieselbe Person oder eine besondere Person darstellt - das ist das Haupt- und Grundproblem der Wirtschaftsgeschichte. Schenken wir dem Professor in diesem Augenblick seine "tauschlose Wirtschaft", die nichts anderes ist als ein professorales Hirngespinst, das nirgends auf der platten Erde noch entdeckt wurde und in Anwendung auf das antike Griechenland und Rom wie auf das feudale Mittelalter seit dem 10. Jahrhundert eine historische Phantasie von verblüffender Kühnheit darstellt. Aber als Maßstab der Produktionsentwicklung überhaupt nicht Produktionsverhältnisse, sondern Austauschverhältnisse, den Kaufmann als Mittelpunkt des Wirtschaftssystems und Maß aller Dinge zu nehmen, wo er noch gar nicht existiert - welche glänzenden Resultate der "begrifflichen Zergliederung, der psychologisch-isolierenden Deduktion" und vor allem, welches "Eindringen in das Wesen der Dinge", das jedes "An-der-Oberfläche-Haften" verschmäht! Ist da nicht das alte anspruchslose Schema der "historischen Schule": die Einteilung der Wirtschaftsgeschichte in drei Epochen der "Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft und Kreditwirtschaft" viel besser und näher der Wahrheit als das prätentiöse Eigenfabrikat Professor Büchers, der erst über alle "älteren derartigen Versuche" die Nase rümpft, um hinterdrein genau dasselbe abgekanzelte "Haften an der Oberfläche" des Austausches zum Grundgedanken zu nehmen und ihn nur durch sein pedantisches Ausspinnen in ein völlig schiefes Schema zu verzerren.
Das "Haften an der Oberfläche" der Wirtschaftsgeschichte ist eben kein Zufall bei der bürgerlichen Wissenschaft. Die einen von den bürgerlichen Gelehrten, wie Friedrich List, machen Einteilungen nach der äußeren Natur der wichtigsten Nahrungsquelle und stellen Epochen der Jägerei, der Viehzucht, des Ackerbaues und des Gewerbes auf - Einteilungen, die nicht einmal für eine äußere Kulturgeschichte ausreichen. Andere, wie Professor Hildebrand, teilen nach der äußeren Form des Austausches die Wirtschaftsgeschichte in Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft ein oder, wie Bücher, in tauschlose Wirtschaft, in eine solche mit direktem Austausch und eine dritte mit Warenumlauf. Noch andere, wie Grosse, nehmen zum Ausgangspunkt bei der Beurteilung der Wirtschaftsform die Verteilung der Güter. Mit einem Wort, die Gelehrten der Bourgeoisie schieben in den Vordergrund der geschichtlichen Betrachtung Austausch, Verteilung, Konsumtion - alles, nur nicht die gesellschaftliche Form der Produktion, das heißt dasjenige, was gerade in jeder historischen Epoche ausschlaggebend ist und woraus sich Austausch und seine Formen, Verteilung und Konsum- |651| tion in ihrer besonderen Gestalt, jedesmal als logische Folgen ergeben. Warum dies? Aus demselben Grunde, der sie bewegt, "die Volkswirtschaft", das heißt die kapitalistische Produktionsweise, als die höchste und letzte Stufe der Geschichte der Menschheit hinzustellen und ihre weitere weltwirtschaftliche Entwicklung mit ihren revolutionären Tendenzen in Abrede zu stellen. Die gesellschaftliche Gestaltung der Produktion, das heißt die Frage nach dem Verhältnis der Arbeitenden zu den Produktionsmitteln, ist der Kernpunkt jeder wirtschaftlichen Epoche, sie ist aber auch der wunde Punkt jeder Klassengesellschaft. Die Entfremdung der Produktionsmittel aus den Händen der Arbeitenden in dieser oder jener Form ist die gemeinsame Grundlage aller Klassengesellschaft, weil sie die Grundbedingung jeder Ausbeutung und Klassenherrschaft ist, Von dieser wunden Stelle die Aufmerksamkeit abzulenken, sie auf alle Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten zu konzentrieren ist nicht sowohl bewußtes Streben des bürgerlichen Gelehrten als vielmehr die instinktive Abneigung der Klasse, die er geistig repräsentiert, vom Baume der Erkenntnis die gefährliche Frucht zu kosten. Und ein ganz moderner gefeierter Professor wie Bücher beweist diesen Klasseninstinkt mit "genialem Blick", wenn er ganze gewaltige Epochen, wie Urkommunismus, Sklaverei, Fronwirtschaft, mit ihren grundsätzlich verschiedenen Typen der Stellung der Arbeitskraft zu den Produktionsmitteln mit leichter Hand in ein kleines Schubfach seines Schemas streicht, während er sich dafür in eine umfangreiche Haarspalterei in bezug auf die Geschichte des Gewerbes einläßt, in der er das "Hauswerk (in Klammern: Hausfleiß)", "Lohnwerk", "Handwerk", die "Störarbeit", und wie der abgeschmackte Kram sonst lautet, mit pedantischer Wichtigtuerei auseinanderlegt und ans Licht hält und wendet. Auch die Ideologen der ausgebeuteten Volksmassen, die ersten Kommunisten, die älteren Vertreter des Sozialismus irrten im Dunkeln, hingen mit ihrer Predigt der Gleichheit unter den Menschen in der Luft, solange sie ihre Anklagen und ihren Kampf hauptsächlich gegen die ungerechte Verteilung oder - wie im 19. Jahrhundert einige Sozialisten - gegen die modernen Formen des Austausches richteten. Erst nachdem sich die besten Führer der Arbeiterklasse darüber klarwurden, daß die Verteilung und der Austausch selbst in ihrer Form von der Organisation der Produktion abhängen, in dieser aber das Verhältnis der Arbeitenden zu den Produktionsmitteln entscheidend ist, erst dann wurden die sozialistischen Bestrebungen auf festen wissenschaftlichen Boden gestellt. Und aus dieser einheitlichen Auffassung heraus trennt sich die wissenschaftliche Stellung des Proletariats von der der Bourgeoisie am Eingang in die Wirtschafts- |652| geschichte, wie sie sich an der Schwelle der Nationalökonomie von ihr trennte. Liegt es im Klasseninteresse der Bourgeoisie, den Kernpunkt der Wirtschaftsgeschichte - die Gestaltung des Verhältnisses der Arbeitskraft zu den Produktionsmitteln - in seinem historischen Wandel zu vertuschen, so gebietet das Interesse des Proletariats umgekehrt, dieses Verhältnis in den Vordergrund zu rücken, zum Maßstab der ökonomischen Struktur der Gesellschaft zu machen. Und zwar ist es für Arbeiter nicht bloß erforderlich, die großen Meilensteine der Geschichte zu beachten, die die uralte kommunistische Gesellschaft von der späteren Klassengesellschaft abgrenzen, sondern ebensosehr auch die Unterscheidungen zwischen den verschiedenen historischen Formen der Klassengesellschaft selbst. Nur wer sich über die spezifischen ökonomischen Eigentümlichkeiten der urkommunistischen Gesellschaft, aber nicht minder über die Besonderheiten der antiken Sklavenwirtschaft und der mittelalterlichen Fronwirtschaft klare Rechenschaft ablegt, kann mit voller Gründlichkeit erfassen, warum die heutige kapitalistische Klassengesellschaft zum erstenmal geschichtliche Handhaben zur Verwirklichung des Sozialismus bietet und worin der fundamentale Unterschied der sozialistischen Weltwirtschaft der Zukunft von den primitiven kommunistischen Gruppen der Urzeit besteht.
Fußnoten von Rosa Luxemburg
(1) [Karl] Bücher: Die Entstehung der Volkswirtschaft. [Vortrage und Versuche, Tübingen 1906], S. 86 - 88. <=
(2) [Karl] Bücher: Die Entstehung der Volkswirtschaft. [Vortrage und Versuche, Tübingen 1906], S. 91. <=
III. 3 | Inhalt | IV. 1
Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 727-731.
1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.
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|727| Nachdem die Warenwirtschaft die herrschende Form der Produktion in Europa wenigstens in den Städten geworden war, in 18. Jahrhundert, fangen die Gelehrten an, die Frage zu untersuchen, worauf diese Wirtschaft, das heißt der allgemeine Austausch, beruht. Aller Austausch wird durch das Geld vermittelt, und der Wert jeder Ware im Austausch hat einen Geldausdruck. Was bedeutet nun dieser Geldausdruck, und worauf beruht der Wert jeder Ware im Handel. Das waren die ersten Fragen, die die Nationalökonomie untersuchte. In der zweiten Hälfte des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde nun die große Entdeckung von den Engländern Adam Smith und David Ricardo gemacht, daß der Wert jeder Ware nichts anderes als die in ihr steckende menschliche Arbeit ist, daß sich also beim Austausch der Waren gleiche Mengen verschiedener Arbeit gegeneinander austauschen. Das Geld ist nur der Vermittler dabei und drückt im Preise nur die entsprechende Menge Arbeit aus, die in jeder Ware steckt. Es erscheint eigentlich als eine merkwürdige Sache, daß hier von einer großen Entdeckung gesprochen werden kann, da doch, wie man glauben sollte, nichts klarer und selbstverständlicher ist, als daß der Austausch von Waren auf der [in] ihnen steckenden Arbeit beruht. Allein der Ausdruck des Warenwerts in Gold, der allgemeine und ausschließliche Gewohnheit geworden war, verdeckte diese natürliche Sache. In der Tat, wenn ich sage, der Schuster und der Bäcker tauschen ihre Produkte gegeneinander aus, so ist noch naheliegend und sichtbar, daß der Tausch deshalb zustande kommt, weil trotz des verschiedenen Gebrauchs das eine so gut Arbeit gekostet hat wie das andere, das eine also das andere wert ist, sofern sie gleiche Zeit in Anspruch genommen haben, Wenn ich aber sage, ein Paar Schuhe kosten 10 Mark, so ist zunächst dieser Ausdruck, wenn man ihn näher überlegt, etwas ganz Rätselhaftes. Was haben denn ein Paar Schuhe mit den 10 Mark gemein, worin sind sie sich denn gleich, um sich gegeneinander auszutauschen? Wie kann man so verschiedene Dinge überhaupt miteinander vergleichen? Und wie kann man im Tausch für ein nützliches Produkt wie die Schuhe einen so unnützen und sinnlosen Gegenstand wie die gestempelten Geld oder Silberscheibchen nehmen? Wie kommt es endlich, daß gerade diese unnützen Metallscheibchen die Zauberkraft besitzen, alles in der Welt in Tausch zu kriegen? Nun, alle diese Fragen ist es den großen Schöpfern der Nationalökonomie, den |728| Smith und Ricardo, zu beantworten nicht gelungen. Die Entdeckung, daß im Tauschwert jeder Ware, wie im Gelde auch,. bloß menschliche Arbeit steckt und daß somit der Wert jeder Ware um so größer ist, je mehr Arbeit ihre Herstellung erfordert und umgekehrt, diese Entdeckung ist nämlich erst die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit besteht in der Erklärung, wieso und warum die menschliche Arbeit denn die seltsame Form des Tauschwertes und gar die rätselhaft Form des Geldes annimmt. Die englischen Schöpfer der Nationalökonomie haben sich diese letztere Frage nicht einmal vorgelegt, denn sie betrachteten es als eine angeborene, von Natur gegebene Eigenschaft der menschlichen Arbeit, daß sie Waren zum Tausch und Geld schafft. Das heißt mit anderen Worten: Sie nahmen an, daß ebenso natürlich, wie der Mensch essen und trinken muß, wie er auf dem Kopf Haare und im Gesicht eine Nase hat, er auch mit seinen Händen Waren zum Handel produzieren müsse. Sie glaubten dies so fest, daß Adam Smith sich zum Beispiel in allem Ernst die Frage vorlegt, ob nicht schon die Tiere miteinander Handel treiben, und er verneint dies nur deshalb, weil man noch keine derartigen Beispiele bei Tieren bemerkt hat. Er sagt [1]:
Diese naive Auffassung bedeutet aber nichts anderes, als daß die großen Schöpfer der Nationalökonomie in der felsenfesten Vorstellung lebten, die heutige kapitalistische Gesellschaftsordnung, bei der alles Ware ist und alles nur für den Handel produziert wird,. sei die einzig mögliche und ewige Gesellschaftsordnung, die so lange dauern wird, wie das Menschengeschlecht auf Erden lebt. Erst Karl Marx, der als Sozialist die kapitalistische Ordnung nicht für die ewige und einzig mögliche, sondern für eine vergängliche geschichtliche Gesellschaftsform hielt, stellte Vergleiche zwischen den heutigen und den früheren Verhältnissen in anderen Epochen an. Es zeigte sich dabei, daß die Menschen Jahrtausende lebten und arbeiteten, ohne vom Geld und vom Austausch viel zu wissen. Erst in dem Maße, wie jede gemeinsame planmäßige Arbeit in der Gesellschaft aufhörte und die Gesellschaft sich in einen losen anarchischen Haufen ganz freier und selbständiger Produzenten mit Privateigentum auflöste, in dem Maße wurde der Austausch zum einzigen Mittel, die zersplitterten Individuen und ihre Arbeiten zu einer zusammenhängenden gesellschaftlichen Wirtschaft zu vereinigen. An Stelle eines gemeinsamen Wirtschaftsplans, der der Produktion vorausging. trat nun das Geld, das zum einzigen direkten gesellschaftlichen Bindemittel wurde, und zwar deshalb, weil es das einzig Gemeinsame zwischen den vielen verschiednen Privatarbeiten dar- |729| stellt, als ein Stück menschlicher Arbeit ohne jeden besonderen Nutzen, also gerade dadurch. weil es ein ganz sinnloses Produkt ist, untauglich zu jeglichem Gebrauch im menschlichen Privatleben. Diese sinnlose Erfindung ist also eine Notwendigkeit, ohne die der Austausch überhaupt. also die ganze bisherige Kulturgeschichte seit der Auflösung des Urkommunismus, unmöglich wäre. Die bürgerlichen Nationalökonomen betrachten das Geld freilich nur als eine höchst wichtige und unentbehrliche Sache, aber nur vom Standpunkte der rein äußerlichen Bequemlichkeit des Warenaustausches. Man kann dies in Wirklichkeit vom Gelde nur in dem Sinne sagen, wie man sagen kann, die Menschheit habe zum Beispiel die Religion zur Bequemlichkeit erfunden. Tatsächlich sind Geld und Religion zwei gewaltige Kulturprodukte der Menschheit, die aber in ganz bestimmten vorübergehenden Verhältnissen wurzeln und, wie sie entstanden sind, so auch mit der Zeit überflüssig werden. Die enormen. jährlichen Ausgaben für die Goldproduktion, wie die Ausgaben für den Kultus wie auch die Ausgaben für Gefängnisse, Militarismus, öffentliche Wohltätigkeit, die heute die gesellschaftliche Wirtschaft schwer belasten, aber bei der Existenz dieser Wirtschaftsform notwendige Kosten sind werden mit der Aufhebung der Warenwirtschaft von selbst wegfallen.
Die Warenwirtschaft, wie wir ihren inneren Mechanismus kennengelernt haben, erscheint vor uns als eine wunderbar harmonische und auf höchsten Prinzipien der Moral beruhende Wirtschaftsordnung .Denn erstens herrscht ja völlige individuelle Freiheit: Jeder arbeitet, wie, woran und wieviel er will, ganz nach freiem Belieben; jeder ist sein eigener Herr und braucht sich nur nach dem eigenen Vorteil zu richten. Zweitens, die einen tauschen ihre Waren, das heißt ihre Arbeitsprodukte, gegen die Arbeitsprodukte anderer aus; Arbeit wird gegen Arbeit ausgetauscht, und zwar im Durchschnitt gleiche Mengen Arbeit gegen gleiche Mengen. Es herrscht also völlige Gleichheit und Gegenseitigkeit der Interessen. Drittens gibt es bei der Warenwirtschaft eben nur Ware gegen Ware, Arbeitsprodukt gegen Arbeitsprodukt. Wer also kein Produkt seiner Arbeit zu bieten hat, wer nicht arbeitet, wird auch nichts zu essen kriegen. Es ist also auch die höchste Gerechtigkeit. In der Tat versprachen die Philosophen und Politiker des 18. Jahrhunderts, die für den völligen Sieg der Gewerbefreiheit kämpften und für die Abschaffung der letzten Reste der alten Herrschaftsverhältnisse - des Zunftreglements und der feudalen Leibeigenschaft [2] -, die Männer der Großen Französischen Revolution der Menschheit ein Paradies auf Erden, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollten.
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|730| Ähnlicher Meinung waren auch noch manche bedeutenden Sozialisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als die wissenschaftliche Nationalökonomie geschaffen und die große Entdeckung von Smith-Ricardo gemacht wurde, daß alle Warenwerte auf menschlicher Arbeit beruhen, kamen sofort einzelne Freunde der Arbeiterklasse auf die Idee, daß bei richtiger Durchführung des Warenaustausches völlige Gleichheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft herrschen müßten. Denn tauscht sich stets nur Arbeit gegen Arbeit in gleichen Mengen aus, so kann unmöglich eine Ungleichheit des Reichtums eintreten, höchstens die wohlverdiente Ungleichheit zwischen den Arbeitsamen und den Faulen, und der ganze gesellschaftliche Reichtum muß denjenigen gehören, die arbeiten, das heißt der Arbeiterklasse. Wenn wir also trotzdem in der heutigen Gesellschaft große Unterschiede in der Lage der Menschen, wenn wir Reichtum neben Elend sehen und gerade Reichtum bei den Nichtarbeitenden und Elend bei denjenigen, die alle Werte durch ihre Arbeit schaffen, so muß das offenbar aus einer Unredlichkeit bei dem Austausch entstehen, und zwar dank dem Umstand, daß bei dem Austausch der Arbeitsprodukte das Geld als Vermittler dazwischenspringe.[3] Das Geld verdeckt die wahre Herkunft aller Reichtümer von der Arbeit, ruft beständige Preisschwankungen hervor und gibt daher die Möglichkeit zu willkürlichen Preisen, zu Prellereien und zur Ansammlung von Reichtümern auf Kosten anderer. Also fort mit dem Gelde! Dieser auf die Abschaffung des Geldes gerichtete Sozialismus kam zuerst in England auf, wo ihn schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr talentvolle Schriftsteller, wie Thompson, Bray und andere, vertraten; dann erfand nochmals diese Sorte Sozialismus in Preußen der konservative pommersche Junker und glänzende nationalökonomische Schriftsteller Rodbertus, und zum drittenmal erfand diesen Sozialismus in Frankreich im Jahre 1849 Proudhon. Selbst praktische Versuche nach dieser Richtung wurden unternommen. Unter dem Einfluß des obengenannten Bray wurden in London und in vielen anderen Städten Englands sogenannte "Bazare für den gerechten Arbeitsaustausch" gegründet, wohin die Waren gebracht wurden, um ohne Geldvermittlung streng nach der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit ausgetauscht zu werden. Auch Proudhon hat die Gründung seiner sogenannten "Volksbank" zu diesem Zwecke vorgeschlagen. Diese Versuche sowie die Theorie selbst machten bald Bankrott. Der Warenaustausch ohne Geld ist in der Tat undenkbar, und jene Preisschwankungen, die man abschaffen |731| wollte, sind ja das einzige Mittel, den Warenproduzenten anzuzeigen, ob sie zuwenig oder zuviel von einer Ware herstellen, ob sie weniger oder mehr als erforderlich auf ihre Herstellung Arbeit verwenden, ob sie die richtigen Waren oder nicht erzeugen. Schafft man dieses einzige Verständigungsmittel zwischen den isolierten Warenproduzenten in der anarchischen Wirtschaft ab, so sind sie ganz verloren, dann sind sie nicht nur taubstumm, sondern auch blind. Dann muß die Produktion stillstehen, und der kapitalistische Babelturm zerfällt in Trümmer. Die sozialistischen Pläne, die aus der kapitalistischen Warenproduktion eine sozialistische machen wollten durch die bloße Abschaffung des Geldes, sind also eine reine Utopie.
Allein wie steht es denn in Wirklichkeit mit der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bei der Warenproduktion? Wie kann bei allgemeiner Warenproduktion, wo jedermann nur für ein Arbeitsprodukt etwas kriegen kann und wo nur gleiche Werte gegen gleiche Werte ausgetauscht werden, wie kann dabei Ungleichheit des Reichtums entstehen? Die heutige kapitalistische Wirtschaft zeichnet sich aber, wie jedermann weiß, gerade am meisten durch die schreiende Ungleichheit in der materiellen Lage der Menschen aus, durch ungeheure Ansammlung von Reichtümern in wenigen Händen auf der einen und durch wachsende Massenarmut auf der anderen Seite. Die weitere Frage, die sich für uns logisch aus dem Bisherigen ergibt, gestaltet sich demnach so: Wie ist bei der Warenwirtschaft und dem Austausch der Waren nach ihrem Wert der Kapitalismus möglich?
Redaktionelle Anmerkungen
[1] In der Quelle fehlt das Zitat. <=
[2] Randnotiz R. L.: Naturalwirtsch <=
[3] Randnotiz R. L.: Vgl. [Kapitel über] John Bellers, [In: Eduard] Bernstein: Engl. Rev. [Sozialismus und Demokratie in der großen englischen Revolution, Stuttgart 1908], S. 354. <=