Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie - IV. 3

IV. 1 | Inhaltsverzeichnis | III. 1

Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 687-697.

1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.

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|687| Mit der russischen Dorfgemeinde ist der wechselvolle Lauf der Schicksale des primitiven Agrarkommunismus erschöpft, der Kreis geschlossen. Beginnend als ein naturwüchsiges Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, als die beste Garantie des wirtschaftlichen Fortschritts, des materiellen und geistigen Gedeihens der Gesellschaft, endet die Markgenossenschaft hier als ein mißbrauchtes Werkzeug der politischen und wirtschaftlichen Rückständigkeit. Der russische Bauer, der von seinen eigenen Markgenossen im Dienste des zarischen Absolutismus mit Ruten gezüchtigt wird - das ist die grausamste historische Kritik auf die engen Schranken des Urkommunismus und der sinnfälligste Ausdruck der Tatsache, daß auch diese Gesellschaftsform der dialektischen Regel unterliegt: Vernunft wird Unsinn, Wohltat - Plage.

Zwei Tatsachen springen vor allem in die Augen, wenn man die Schicksale der Markgenossenschaft in verschiedenen Ländern und Weltteilen aufmerksam betrachtet. Weit entfernt, eine starre, unwandelbare Schablone zu sein, weist diese höchste und letzte Form des urkommunistischen |688| Wirtschaftssystems vor allem eine unendliche Mannigfaltigkeit, Biegsamkeit und Anpassungsfähigkeit auf, erscheint je nach dem historischen Milieu in verschiedensten Formen. Sie macht dabei in jedem Milieu und unter allen Verhältnissen einen stillen Umwandlungsprozeß durch, der infolge seiner Langsamkeit nach außen zunächst kaum in die Erscheinung treten mag, im Innern der Gesellschaft jedoch stets neue Formen an Stelle veralteter setzt und so, unter jedem politischen Überbau einheimischer oder fremder Staatseinrichtungen, im wirtschaftlichen und sozialen Leben unaufhörlich Entstehen und Vergehen, Entwicklung oder Verfall erlebt.

Zugleich zeigt diese Gesellschaftsform gerade dank ihrer Elastizität und Anpassungsfähigkeit eine außerordentliche Zähigkeit und Dauerhaftigkeit. Sie trotzt allen Stürmen der politischen Geschichte, oder vielmehr, sie verträgt sie alle passiv, läßt sie alle über sich dahinfegen und erträgt geduldig jahrhundertelang den Druck jeder Eroberung, Fremdherrschaft, Despotie und Ausbeutung. Nur eine Berührung verträgt und überlebt sie nicht: Es ist die Berührung mit der europäischen Zivilisation, das heißt mit dem Kapitalismus. Der Zusammenstoß mit diesem ist für die alte Gesellschaft überall ohne Ausnahme tödlich, und er vollbringt, was Jahrtausende und was die wildesten orientalischen Eroberer nicht vermocht hatten: die ganze gesellschaftliche Struktur in ihrem Innern aufzulösen, alle traditionellen Bande zu zerreißen und die Gesellschaft in kürzester Zeit in einen formlosen Schutthaufen zu verwandeln.

Aber der Todeshauch des europäischen Kapitalismus ist bloß der letzte, nicht der einzige Faktor, der den Untergang der primitiven Gesellschaft früher oder später unabwendbar macht. Die Keime dazu liegen im Innern dieser Gesellschaft selbst. Fassen wir die verschiedenen Methoden ihres Untergangs zusammen, wie wir sie an verschiedenen Beispielen kennengelernt haben, so ergibt sich eine gewisse geschichtliche Reihenfolge. Der kommunistische Besitz der Produktionsmittel gewährte als Grundlage einer streng organisierten Wirtschaftsweise für lange Epochen den produktivsten Arbeitsprozeß der Gesellschaft und die beste materielle Sicherung ihres Fortbestandes und ihrer Entwicklung. Aber gerade der durch sie gesicherte, wenn auch sehr langsame Fortschritt der Produktivität der Arbeit mußte mit der kommunistischen Organisation mit der Zeit in einen gewissen Konflikt geraten. Nachdem im Schoße dieser Organisation der entscheidende Fortschritt zum höheren Ackerbau - zum Gebrauch der Pflugschar - vollzogen war und die Markgenossenschaft auf dieser Grundlage ihre festen Formen erhalten hatte, mußte nach einer gewissen Zeit der weitere Schritt in der Entwicklung der Produktionstechnik die intensivere |689| Bodenbebauung erforderlich machen, die ihrerseits auf dem damaligen Stadium der landwirtschaftlichen Technik nur durch intensiveren Kleinbetrieb, durch festere, eingehendere Verbindung der persönlichen Arbeitskraft mit dem Boden erreicht werden konnte. Die längere Benutzung ein und derselben Parzelle durch die einzelne Bauernfamilie wurde zur Vorbedingung ihrer sorgfältigeren Behandlung. Namentlich das Düngen des Bodens ist übereinstimmend in Deutschland wie in Rußland zur Ursache seltenerer Bodenumteilungen geworden. Im allgemeinen läßt sich übereinstimmend allenthalben im Leben der Markgenossenschaft der Zug zu immer größeren Zeitabständen zwischen den Bodenumlosungen feststellen, was überall den Übergang vom Losgut zum. Erbgut früher oder später zur Folge hat. Wie die Verschiebung von Gemeineigentum zum Privateigentum mit der Intensivierung der Arbeit Schritt hält, kann man an der Tatsache verfolgen, daß Wald und Weidewirtschaft überall am längsten die Allmende tragen, währen der intensiver betriebene Ackerbau zuerst den Weg zur geteilten Mark und dann zum Erbgut bahnt. Mit des Fixierung des Privateigentums an den Ackerparzellen ist zwar die gemeinsame Wirtschaftsorganisation noch gar nicht beseitigt, diese wird noch lange durch die Gemengelage der Felder aufrechterhalten und durch die Wald- und Weidegemeinschaft erzwungen. Auch die wirtschaftliche und soziale Gleichheit ist damit im Schoße der alten Gesellschaft noch nicht beseitigt. Es bildet sich zunächst nur eine in ihren Lebensbedingungen gleichmäßige Masse von Kleinbauern, die im allgemeinen jahrhundertelang nach alten Traditionen arbeiten und leben kann. Doch sind schon durch die Erblichkeit der Güter und die damit verbundenen Erbteilungen oder Majorate, dann aber namentlich durch die Käuflichkeit und überhaupt Veräußerlichkeit der Bauerngüter der künftigen Ungleichheit die Tore geöffnet.

Allein die Unterwühlung der traditionellen Gesellschaftsorganisation durch den bezeichneten Prozeß schreitet äußerst langsam vor. Es sind andere historische Faktoren am Werke, die viel rascher und gründlicher diese Arbeit besorgen, und das sind die umfassenderen öffentlichen Aufgaben, denen die Markgenossenschaft in ihren engen Schranken von Natur nicht gewachsen ist. Wir haben bereits gesehen, welche entscheidende Bedeutung für den Ackerbau im Orient die künstliche Berieselung hat. Diese hohe Intensivierung der Arbeit und mächtige Erhöhung ihrer Produktivität führten zu ganz anders weittragenden Resultaten als zum Beispiel der Übergang zum Düngen im Westen. Die Durchführung der künstlichen Bewässerung ist von vornherein auf eine Massenarbeit im großen Maß- |690| stab, auf Großbetrieb berechnet. Als solche gerade findet sie im Schoße der markgenossenschaftlichen Organisation keine entsprechenden Organe und muß sich spezielle Organe schaffen, die über der Markgenossenschaft stehen. Wir wissen, daß die Leitung der öffentlichen Wasserwerke die tiefste Wurzel der Priesterherrschaft und jeder orientalischen Oberherrschaft war. Aber auch im Westen und überall gibt es verschiedene öffentliche Geschäfte, die, so einfach sie im Vergleich zur heutigen Staatsorganisation sind, doch in jeder primitiven Gesellschaft erledigt werden müssen, mit der Entwicklung und dem Fortschritt dieser Gesellschaft wachsen und deshalb mit der Zeit spezieller Organe bedürfen. Überall - in Deutschland wie in Peru, in Indien wie in Algerien - konnten wir als den Zug der Entwicklung feststellen, daß die öffentlichen Ämter in der primitiven Gesellschaft die Tendenz haben, von der Wählbarkeit zur Erblichkeit überzugehen.

Zunächst ist auch dieser Umschwung, der langsam und unfühlbar vor sich geht, noch kein Bruch mit den Grundlagen der kommunistischen Gesellschaft. Vielmehr ergibt sich die Erblichkeit der öffentlichen Ämter auf natürlichem Wege aus dem Umstand, daß auch hier, wie im ganzen Wesen der primitiven Gesellschaften, die Tradition und die persönlich gesammelte Erfahrung am besten die gedeihliche Erledigung des Amtes sichern. Allein mit der Zeit muß die Erblichkeit der Ämter in gewissen Familien unvermeidlich zur Ausbildung einer kleinen einheimischen Aristokratie führen, die aus Dienern des Gemeinwesens zu dessen Herrschern wird. Namentlich dienten die ungeteilten Markländereien, der Ager publicus der Römer, an denen naturgemäß die öffentliche Gewalt unmittelbar haftet, zur wirtschaftlichen Grundlage der Standeserhöhung dieses Adels. Der Diebstahl des ungeteilten oder unbenutzten Marklandes ist die regelmäßige Methode aller einheimischen und fremden Herrscher, die sich über die Masse des Bauernvolkes emporschwingen und sie politisch unterjochen. Handelt es sich um ein von den großen Kulturstraßen abgeschlossenes Volk, so mag der primitive Adel in seiner ganzen Lebensweise wenig von der Masse sich unterscheiden, am Produktionsprozesse noch unmittelbar teilnehmen und eine gewisse demokratische Einfachheit der Sitten die Unterschiede des Vermögens vertuschen. So ist die jakutische Geschlechtsaristokratie nur um viele Viehstücke begüterter und in öffentlichen Geschäften einflußreicher als die Masse. Kommt aber ein Kontakt mit höher zivilisierten Völkern und reger Austausch hinzu, dann fügen sich bald verfeinerte Lebensbedürfnisse und Entwöhnung von der Arbeit zu sonstigen |691| Vorrechten des Adels, und eine wirkliche Ständedifferenzierung vollzieht sich in der Gesellschaft. Das typischste Bild ist das Griechenland der nachhomerischen Zeit.

So führt die Arbeitsteilung im Schoße der primitiven Gesellschaft früher oder später unvermeidlich zur Sprengung der politischen und ökonomischen Gleichheit von innen heraus. Ein Geschäft öffentlichen Charakters spielt aber eine ganz hervorragende Rolle in diesem Prozeß und vollzieht das Werk viel energischer als die öffentlichen Ämter friedlichen Charakters: Es ist dies die Kriegführung. Zuerst Sache der Masse der Gesellschaft selbst, wird sie namentlich infolge der Fortschritte der Produktion mit der Zeit zur Spezialität gewisser Kreise der primitiven Gesellschaft. Je entwickelter, regelmäßiger und planmäßiger der Arbeitsprozeß der Gesellschaft, um so weniger verträgt er die Unregelmäßigkeiten und die Zeit- und Kraftvergeudung des Kriegslebens. Sind bei der Jagd und der nomadenhaften Viehzucht die Kriegszüge von Zeit zu Zeit direktes Ergebnis des Wirtschaftssystems, so ist der Ackerbau mit großer Friedlichkeit und Passivität der Masse der Gesellschaft verbunden, erfordert aber gerade deshalb häufig einen besonderen Stand von Kriegern zur Verteidigung. So oder anders spielt das Kriegsleben - selbst nur ein Ausdruck der engen Schranken der Produktivität der Arbeit - bei allen primitiven Völkern eine große Rolle und führt überall mit der Zeit zu einer neuen Art Arbeitsteilung. Die Ausscheidung eines Kriegsadels oder einer Kriegshäuptlingsschaft ist überall der stärkste Stoß, den die soziale Gleichheit der primitiven Gesellschaft auszuhalten hat. So kommt es, daß wir überall, wo wir noch historisch überlieferte oder gegenwärtig existierende primitive Gesellschaften kennenlernen, fast nirgends mehr jene Verhältnisse der Freien und Gleichen vorfinden, wie sie uns Morgan an einem glücklichen Beispiele bei den Irokesen schildern konnte. Im Gegenteil, überall Ungleichheit und Ausbeutung, das sind die Merkmale aller primitiven Gesellschaften, wie sie uns als Produkt einer langen Zersetzungsgeschichte entgegentreten, ob es sich um die herrschenden Kasten des Orients handelt oder um die Geschlechtsaristokratie der Jakuten, um die "Großen Clanmänner" der schottischen Kelten oder um den Kriegsadel der Griechen, Römer und der Germanen der Völkerwanderung oder endlich um die kleinen Despoten der afrikanischen Negerreiche. Betrachten wir zum Beispiel das berühmte Reich des Muata Kasembe in Zentralsüdafrika im Osten des Lundareiches, in das die Portugiesen zu Beginn des 19. Jahrhunderts gedrungen waren, so sehen wir hier, im Herzen Afrikas selbst, in einem von Europäern kaum betretenen Gebiet unter primitiven Negern |692| Gesellschaftsverhältnisse, in denen von Gleichheit und Freiheit der Mitglieder nicht viel mehr zu Finden ist. So schildert uns zum Beispiel die Zustände die Expedition des Majors Monteiro und des Hauptmanns Gamitto, die im Jahr 1831 von Sambesi aus ins Land zu Handels und Forschungszwecken unternommen wurde: Zunächst kam die Expedition ins Land der Marawi, die einen primitiven Hackbau trieben, in kegelförmigen Palisadenhäuschen wohnten und nur ein Tuch um die Lenden trugen. Zur Zeit, als Monteiro und Gamitto das Marawiland durchreisten, stand dasselbe unter einem despotischen Häuptling, welcher den Titel Nede führte. Alle Streitigkeiten wurden von ihm in seiner Hauptstadt Muzienda entschieden, und gegen diese Entscheidung durfte kein Widerspruch erhoben werden. Der Form nach versammelt er einen Rat der Alten, welche aber stets seiner Ansicht sein müssen. Das Land zerfällt in Provinzen, welche von Mambos regiert werden, und diese wieder in Distrikte, an deren Spitze Funos stehen. Alle diese Würden sind erblich. "Am 8. August erreichte man die Residenz des Mukanda, des mächtigsten Häuptlings der Tschewa. Dieser, dem ein Geschenk aus verschiedenen baumwollenen waren, rotem Tuch, verschiedenen Perlen, Salz und Kauris gesandt worden war, kam am folgenden Tage auf einem Schwarzen reitend ins Lager. Mukanda war ein Mann von 60 bis 70 Jahren, von angenehmem, majestätischem Äußeren. Seine einzige Bekleidung bestand in einem schmutzigem Lappen, den er um die Hüften geschlungen hatte. Er blieb ungefähr zwei Stunden und erbat sich beim Abschied in einer freundlichen, unwiderstehlichen Weise von jedem ein Geschenk ... Die Beerdigung der Häuptlinge ist bei den Tschewa von äußerst barbarischen Zeremonien begleitet. Alle Weiber des Dahingeschiedenen werden mit der Leiche in dieselbe Hütte eingeschlossen, bis daß alles zur Beerdigung bereit ist. Dann bewegt sich der Leichenzug ... nach der Gruft hin, und dort angelangt, steigen das Lieblingsweib des Verstorbenen und sieben andere in diese hinab und setzen sich dort mit ausgestreckten Beinen nieder. Man bedeckt diese lebendige Grundlage mit Tüchern, legt darauf die Leiche und stürzt dann noch sechs andere Weiber, denen zuvor der Hals gebrochen worden, in die Gruft. Nun wird das Grab zugedeckt, und die schaudererregende Zeremonie findet ihren Schluß in der Pfählung zweier Jünglinge, deren einer mit einer Trommel am Kopfende, der andere mit Bogen und Pfeil am Fußende des Grabes aufgestellt wird. Major Monteiro war während seines Aufenthaltes im Tschewalande Augenzeuge einer solchen Beerdigung." Von hier ging es bergauf in die Mitte des Reiches. Die Portugiesen kamen "in eine hochgelegene, öde, von Lebensmitteln fast völlig entblößte |693| Gegend; allerwärts zeigten sich Spuren der Verwüstung durch frühere Kriegszüge, und Hungersnot bedrängte die Expedition in gefahrdrohendstem Maße. Man schickte Boten mit einigen Geschenken zu dem nächsten Mambo, um Führer zu erhalten, allein die Abgesandten kehrten mit der niederschlagenden Nachricht zurück, daß sie den Mambo nebst seiner Familie, dem Hungertode nahe, ganz allein in der Dorfschaft angetroffen hätten ... Noch ehe man an das Herz des Reiches herankam, erhielt man Proben der barbarischen Justiz, welche dort an der Tagesordnung war; nicht selten begegnete man jungen Leuten, welchen Ohren, Hände, Nase und sonstige Gliedmaßen als Strafe für irgendein geringfügiges Vergehen abgeschnitten worden waren ... Am 19. November erfolgte endlich der Einzug in die Hauptstadt, wobei der Esel, welchen Hauptmann Gamitto ritt, nicht geringes Aufsehen verursachte. Bald gelangte man in eine etwa dreiviertel Stunden lange Straße, die zu beiden Seiten durch 23 Meter hohe Zäune begrenzt wird, welche aus durchflochtenen Stangen bestehen und so regelmäßig ausgeführt sind, daß sie wie Wände aussehen. Zu beiden Seiten sieht man in gewissen Abständen kleine offene Türen in diesen Strohwänden. Am Ende der Straße befindet sich eine kleine viereckige Baracke, welche nur nach Westen offen ist und in deren Mitte auf einem hölzernen Sockel eine roh aus Holz geschnittene menschliche Figur von 70 cm Höhe steht. Vor der offenen Seite lag ein Haufen von mehr als 300 Totenschädeln. Hier wird die Straße zu einem großen viereckigen Platz, an dessen Ende ein großer Wald liegt, der von dem Platze nur durch einen Zaun abgetrennt ist. An der Außenseite desselben, zu beiden Seiten der Pforte und an jenen befestigt, sieht man 30 in einer Linie geordnete Totenköpfe als Zierat ... Es folgte nun der Empfang beim Muata, der, mit allem barbarischen Gepränge und von seiner gesamten, aus 5.000 bis 6.000 Mann bestehenden Kriegsmacht umgeben, sich den Portugiesen zeigte. Er saß auf einem mit grünem Tuche bedeckten Stuhl, der auf einem Haufen von Leoparden und Löwenfellen stand. Seine Kopfbedeckung bestand aus einer scharlachroten kegelförmigen Mütze, die aus 1/2 m langen Federn zusammengesetzt war. Um seine Stirn schlang sich ein Diadem aus glänzenden Steinen; Hals und Schultern deckte eine Art Kragen, der aus Schnecken, viereckigen Spiegelstücken und falschen Edelsteinen bestand. Um jeden Arm war eine breite Binde aus blauem Tuche gewunden, das mit Pelz garniert war; den Vorderarm zierten außerdem Schnüre von blauen Steinen. Den Unterleib deckte ein gelbes, rot und blau gesäumtes Tuch, welches mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Die Beine waren ähnlich wie die Arme mit blauen Steinen geschmückt.

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|694| Stolz saß, von sieben bunten Schirmen gegen die Sonne geschützt, der Muata da; als Zepter schwenkte er einen Gnuschwanz, und zwölf mit Besen versehene Neger waren beschäftigt, jedes Stäubchen, jede Unreinlichkeit aus seiner heiligen Nähe vom Boden zu entfernen. Um den Herrscher entfaltete sich ein sehr komplizierter Hofstaat. Zunächst hüteten seinen Thron zwei Reihen 40 cm hoher Figuren, welche den Oberteil eines mit Tierhörnern geschmückten Negers vorstellten, und zwischen diesen Figuren war ein Käfig, der eine kleinere Figur enthielt. Vor den Figuren saßen zwei Neger, welche auf Kohlenbecken aromatische Blätter verbrannten. Den Ehrenplatz nahmen die beiden Hauptweiber ein, deren erstes ähnlich wie der Muata gekleidet war. Im Hintergrunde war der 400 Frauen zählende Harem aufmarschiert; doch waren diese Damen, den Leibschurz abgerechnet, gänzlich nackt Außerdem standen noch 200 schwarze Damen jedes Befehls gewärtig da. Innerhalb des von den Weibern gebildeten Vierecks saßen die höchsten Würdenträger des Reiches, die Kilolo, auf Löwen und Leopardenfellen, jeder mit einem Sonnenschirm und ähnlich wie der Muata gekleidet; verschiedene Musikkorps, die auf eigentümlich gestalteten Instrumenten einen betäubenden Lärm verursachten, und einige Hofnarren, die, mit Fellen und Tierhörnern bekleidet, umherrannten, vollendeten die Umgebung des Kasembe, der, solchergestalt würdig vorbereitet, den Anmarsch der Portugiesen erwartete. Der Muata ist der absolute Herrscher über dieses Volk, dessen Titel einfach 'Herr' bedeutet. Unter ihm stehen zunächst die Kilolo oder der Adel, der wiederum in zwei Klassen zerfällt. Zu den vornehmsten Adligen gehören der Kronprinz, die nächsten Verwandten des Muata und der Höchstkommandierende der Kriegsmacht.. Aber selbst über Leben und Eigentum dieser Adligen verfügt der Muata in unumschränkter Weise.

Ist dieser Tyrann übler Laune, so läßt er dem, der etwa einen Befehl nicht recht verstanden hat und nochmals fragt, sogleich die Ohren abschneiden, 'um ihn besser hören zu lehren'. Jeder Diebstahl an seinem Eigentum wird mit Amputation der Ohren und Hände bestraft; wer mit irgendeinem seiner Weiber zusammenkommt oder mit ihr spricht, wird getötet oder an allen Gliedern verstümmelt. Der Herrscher steht bei dem abergläubischen Volke in solchem Ansehen, daß es glaubt, niemand könne ihn berühren, ohne durch seine Zaubermittel zu sterben. Da jedoch eine solche Berührung nicht immer zu vermeiden ist, so hat es ein Mittel gegen diesen Tod erfunden. Der, welcher den Herrn berührt hat, kniet vor ihm nieder, worauf dieser seine Handfläche in mysteriöser Weise an diejenige |695| des Knienden legt und ihn solchergestalt vom Todeszauber erlöst."(1) Das ist ein Bild einer Gesellschaft, die von den ursprünglichen Grundlagen jedes primitiven Gemeinwesens, von der Gleichheit und Demokratie sehr weit abgekommen ist. Dabei ist gar nicht ausgemacht, daß unter dieser Form des politischen Despotismus nicht markgenossenschaftliche Verhältnisse, Gemeinbesitz an Grund und Boden, gemeinsam organisierte Arbeit fortbestand. Die Portugiesen, die sich den äußeren Plunder der Trachten und Audienzen aufs genaueste merkten, hatten, wie alle Europäer, für ökonomische Verhältnisse, namentlich für solche, die dem europäischen Privateigentum zuwiderliefen, keinen Blick, kein Interesse und keinen Maßstab. Auf jeden Fall aber unterscheidet sich die soziale Ungleichheit und die Despotie der primitiven Gesellschaften wesentlich von derjenigen, die in den zivilisierten Gesellschaften herrscht und von ihnen erst in die primitiven verpflanzt wird. Die Rangerhöhung des primitiven Adels, die despotische Gewalt des primitiven Häuptlings sind ebenso naturwüchsige Produkte der Gesellschaft wie alle ihre sonstigen Lebensbedingungen. Sie sind nur ein anderer Ausdruck für die Hilflosigkeit der Gesellschaft der umgebenden Natur und den eigenen sozialen Verhältnissen gegenüber, jene Hilflosigkeit, die gleichermaßen in den Zauberpraktiken des Kults wie in den periodisch eintretenden Hungersnöten zum Vorschein kommt, wobei die despotischen Häuptlinge mitsamt der Masse ihres Untertanen halb oder ganz verhungern. Diese Adels- und Häuptlingsherrschaft befindet sich deshalb in völliger Harmonie mit den sonstigen materiellen und geistigen Lebensformen der Gesellschaft, was ja in der bezeichnenden Tatsache sichtbar wird, daß die politische Gewalt der primitiven Herrscher stets mit der primitiven Naturreligion, mit dem Kult der Verstorbenen aufs engste verflochten ist und von ihnen getragen wird. Von diesem Standpunkt ist der Muata Kasembe der Lundaneger, dem vierzehn Weiber lebendig ins Grab mitgegeben werden und der über Tod und Leben der Untertanen nach seiner unberechenbaren Laune verfügt, weil er im eigenen Glauben und in der felsenfesten Überzeugung seines Volkes ein mächtiger Zauberer ist, oder auch jener despotische "Fürst Kasongo" am Lomamifluß - der 40 Jahre später dem Engländer Cameron in einem Frauenrock, mit Affenfellen betreßt und einem schmutzigen Taschentuch um dem Kopf, mit seinen zwei nackten Töchtern mit großer Würde inmitten seiner Granden und seines Volkes einen hüpfenden Tanz zur Be- |696| grüßung vorführte - an sich eine viel weniger absurde und wahnwitzige Erscheinung als die Herrschaft von "Gottes Gnaden" eines Menschen, dem der ärgste Feind nicht nachsagen kann, daß er ein Zauberer ist, über 67 Millionen Köpfe eines Volkes, das einen Kant, Helmholtz und Goethe hervorgebracht hat.

Die primitive kommunistische Gesellschaft führt durch ihre eigene innere Entwicklung zur Ausbildung der Ungleichheit und der Despotie. Sie geht aber daran noch nicht zugrunde; sie kann vielmehr Jahrtausende unter diesen urwüchsigen Verhältnissen fortexistieren. Regelmäßig werden aber solche Gesellschaften früher oder später zur Beute einer fremden Eroberung und unterliegen dann einer mehr oder weniger weittragenden sozialen Umbildung. Namentlich ist hier die muselmännische Fremdherrschaft von geschichtlicher Wichtigkeit, weil sie auf weiten Strecken in Asien und Afrika der europäischen vorausgegangen war. Überall, wo die mohammedanischen Nomadenvölker - ob Mongolen oder Araber - ihre Fremdherrschaft in einem eroberten Lande einrichteten und befestigten, da kam es zu einem sozialen Prozeß, den Henry Maine und Maxim Kowalewski als die Feudalisierung des Landes bezeichnen. Ohne sich den Grund und Boden selbst zum Eigentum zu machen, richteten die Eroberer ihr Augenmerk auf zweierlei Ziel: Entrichtung von Abgaben und militärische Befestigung der Herrschaft im Lande. Beiden Zwecken diente eine bestimmte administrativ-militärische Organisation, nach der das Land in mehrere Statthaltereien eingeteilt und muselmännischen Beamten in eine Art Lehen gegeben wurde, die Steuereinnehmer und Militärverwalter zugleich waren. Auch wurden große Portionen der unbebauten Markländereien zur Gründung von Militärkolonien verwendet. Diese Einrichtungen zusammen mit der Verbreitung des Islams vollzogen gewiß einen tiefgehenden Umschwung in den allgemeinen Existenzbedingungen der primitiven Gesellschaften. Allein ihre wirtschaftlichen Bedingungen wurden dadurch wenig geändert. Die Grundlagen und die Organisation der Produktion blieben dieselben und dauerten - trotz Ausbeutung und militärischem Druck - lange Jahrhunderte unverändert fort. Freilich war die muselmännische Herrschaft nicht überall so rücksichtsvoll gegenüber den Lebensbedingungen der Eingeborenen. Die Araber an der Ostküste Afrikas trieben zum Beispiel vom Sansibarer Sultanat aus jahrhundertelang einen ausgedehnten Sklavenhandel mit Negern, der zu regelrechten Sklavenjagden im Innern Afrikas, zur Entvölkerung und Zerstörung ganzer Negerdörfer und zur Steigerung der despotischen Gewalt der Eingeborenenhäuptlinge führte, die im Verkauf ihrer eigenen Untertanen oder unter- |697| worfenen Nachbarstämme an die Araber ein verlockendes Geschäft fanden. Doch war auch dieser für die Schicksale der afrikanischen Gesellschaft so tiefgreifende Umschwung der Verhältnisse erst als weitere Folge der europäischen Einflüsse vollzogen: Der Sklavenhandel mit Negern kam erst nach den Entdeckungen und Eroberungen der Europäer im 16. Jahrhundert, zur Bedienung der durch Europäer ausgebeuteten Plantagen und Bergwerke in Amerika und Asien in Flor.

In jeder Hinsicht verhängnisvoll wird also für die primitiven Gesellschaftsverhältnisse erst das Eindringen der europäischen Zivilisation. Die europäischen Eroberer sind die ersten, die nicht auf Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung der Eingeborenen allein ausgehen, sondern die Produktionsmittel selbst, den Grund und Boden aus ihren Händen reißen. Dadurch aber entzieht der europäische Kapitalismus der primitiven Gesellschaftsordnung ihre Basis. Es entsteht das, was schlimmer als alle Unterdrückung und Ausbeutung ist: völlige Anarchie und die spezifisch europäische Erscheinung: die Unsicherheit der sozialen Existenz. Die unterworfene Bevölkerung, die von ihren Produktionsmitteln getrennt wird, wird vom europäischen Kapitalismus nur noch als Arbeitskraft betrachtet und, wenn sie als solche für die Kapitalzwecke taugt, in Sklaverei getan, wenn nicht - ausgerottet. Wir haben diese Methode in den spanischen, englischen, französischen Kolonien gesehen. Vor dem Vormarsch des Kapitalismus kapituliert die primitive Gesellschaftsordnung, die alle früheren Geschichtsphasen überdauert hat. Ihre letzten Reste werden vom Erdboden vertilgt und ihre Elemente - Arbeitskräfte und Produktionsmittel - vom Kapitalismus aufgesogen. So fiel die urkommunistische Gesellschaft überall - in letzter Linie, weil sie vom ökonomischen Fortschritt überholt war -, um neuen Entwicklungsperspektiven Platz zu machen. Diese Entwicklung und dieser Fortschritt sollten auf lange Zeit durch die niederträchtigen Methoden einer Klassengesellschaft vertreten werden, bis auch diese überholt und vom weiteren Fortschritt auf die Seite geschoben wird. Die Gewalt ist auch hier bloß Dienerin der ökonomischen Entwicklung.



Fußnoten von Rosa Luxemburg

(1) Stanleys und Camerons Reisen durch Afrika, Leipzig 1879, S. 74-80, [Richard Oberänder: Livingstones Nachfolger. Afrika von Osten nach Westen quer durchwandert von Stanley und Cameron. Nach den Tagebüchern, Berichten und Aufzeichnungen der Reisenden, Leipzig 1879.] <=


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Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 747-751.

1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.

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|747| Die zweite Methode des Kapitalisten, den Mehrwert zu vergößern, ist die Herabdrückung des Arbeitslohns. Auch der Lohn ist, wie der Arbeitstag, an sich an keine bestimmten Grenzen gebunden. Vor allem, wenn wir vom Arbeitslohn sprechen, so ist zu unterscheiden das Geld, das der Arbeiter vom Unternehmer erhält, von der Menge Lebensmittel, die er dafür kriegt. Wissen wir vom Lohn eines Arbeiters nur, daß er zum Beispiel 2 M täglich beträgt, so wissen wir soviel wie gar nichts. Denn für dieselben 2 M kann man in Zeiten der Teuerung viel weniger Lebensmittel kaufen als in Zeiten der Billigkeit; in einem Lande bedeutet dasselbe Zweimarkstück eine andere Lebenshaltung als im anderen, ja fast in jeder Gegend eines Landes. Der Arbeiter kann auch mehr Geld als früher als Lohn bekommen und gleichwohl nicht besser, sondern ebensoschlecht oder gar noch schlechter leben als früher. Der wirkliche, reelle Lohn ist also die Summe Lebensmittel, die der Arbeiter kriegt, während Geldlohn nur der nominelle Lohn ist. Ist also der Lohn nur der Geldaus- |748| druck des Werts der Arbeitskraft, so wird dieser Wert in Wirklichkeit durch die Menge Arbeit dargestellt, die auf die notwendigen Lebensmittel des Arbeiters verwendet wird. Aber was sind "notwendige Lebensmittel"? Abgesehen von individuellen Unterschieden zwischen einem Arbeiter und dem anderen, die keine Rolle spielen, beweist schon die verschiedene Lebenshaltung der Arbeiterklasse in verschiedenen Ländern und Zeiten, daß der Begriff "notwendige Lebensmittel" ein sehr veränderlicher und dehnbarer ist. Der bessergestellte englische Arbeiter von heute betrachtet den täglichen Gebrauch von Beefsteaks als notwendig zum Leben, der chinesische Kuli lebt von einer Handvoll Reis. Bei der Dehnbarkeit des Begriffs der "notwendigen Lebensmittel" entwickelt sich über die Größe des Arbeitslohnes ein ähnlicher Kampf zwischen Kapitalist und Arbeiter wie über die Länge des Arbeitstages. Der Kapitalist steht als Warenkäufer auf seinem Standpunkt, indem er erklärt: Es ist zwar ganz richtig, daß ich die Ware Arbeitskraft wie jeder ehrliche Käufer nach ihrem Wert bezahlen muß, aber was ist der Wert der Arbeitskraft? Die notwendigen Lebensmittel? Nun wohl, ich gebe meinem Arbeiter genausoviel, wie zum Leben notwendig; was aber absolut notwendig ist, um einen Menschen am Leben zu erhalten, das sagt erstens die Wissenschaft, die Physiologie, und zweitens die allgemeine Erfahrung. Und es versteht sich von selbst, daß ich genau aufs Haar dieses Minimum gebe; denn würde ich einen Pfennig mehr geben, so wäre ich nicht ein ehrlicher Käufer, sondern ein Narr, ein Philanthrop, der aus eigener Tasche demjenigen Geschenke macht, von dem er eine Ware gekauft hat; ich schenke meinem Schuster oder Zigarrenhändler auch nicht einen Pfennig und suche ihre Ware so billig wie möglich zu kaufen, Ebenso suche ich die Arbeitskraft so billig wie möglich zu kaufen, und wir sind vollkommen quitt, wenn ich meinem Arbeiter das knappste Minimum gebe, womit er sich am Leben erhalten kann. Der Kapitalist ist hier vom Standpunkte der Warenproduktion vollkommen in seinem Rechte. Aber nicht minder im Reche ist der Arbeiter, der als Warenverkäufer entgegnet: Freilich habe ich nicht mehr zu beanspruchen als den tatsächlichen Wert meiner Ware Arbeitskraft. Aber ich verlange eben, daß du mir diesen vollen Wert auch wirklich bezahlst. Ich will also nicht mehr als die notwendigen Lebensmittel. Aber was sind notwendige Lebensmittel.? Du sagst darauf gebe Antwort die Wissenschaft der Physiologie und die Erfahrung, welche zeigen, was ein Mensch zum mindesten braucht, um am Leben erhalten zu werden. Du unterschiebst also bei dem Begriff: "notwendige Lebensmittel" die absolute, die physiologische Notwendigkeit. Dies ist aber gegen das Gesetz des Warenaus- |749| tausches. Denn du weißt so gut wie ich, daß für den Wert jeder Ware auf dem Markte die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendige Arbeit maßgebend ist. Wenn dein Schuster dir ein Paar Stiefel bringt und dafür 20 M verlangt, weil er vier Tage lang daran arbeitete, so wirst du ihm sagen: "Solche Stiefel kriege ich aus der Fabrik schon für 12 M, denn dort wird mit Maschine das Paar in einem Tag gemacht. Ihre viertägige Arbeit war also - da es bereits üblich ist, die Stiefel maschinell zu produzieren - nicht notwendig, gesellschaftlich genommen, wenn sie auch für Sie notwendig war, weil Sie nicht mit Maschinen arbeiten. Aber ich kann dafür nichts und zahle Ihnen nur für die gesellschaftlich notwendige Arbeit, sage 12 M." Wenn du so beim Kauf von Stiefeln verfahren würdest, so mußt du auch mir beim Kauf meiner Ware Arbeitskraft die gesellschaftlich notwendigen Kosten ihrer Erhaltung bezahlen. Gesellschaftlich notwendig ist aber zu meinem Leben das alles, was in unserem Lande und im jetzigen Zeitalter als der gewohnte Unterhalt eines Mannes meiner Klasse gilt. Mit einem Wort, du mußt mir nicht das physiologisch notwendige Minimum, das mich knapp am Leben erhält, wie einem Tier geben, sondern das gesellschaftlich übliche Minimum, das mir meine gewohnte Lebenshaltung sichert. Dann erst hast du als ehrlicher Käufer den Wert der Ware bezahlt, sonst kaufst du unter ihrem Wert.

Wir sehen, daß der Arbeiter vom reinen Warenstandpunkt mindestens ebenso recht hat wie der Kapitalist. Aber diesen Standpunkt macht er erst mit der Zeit geltend, denn er kann ihn nur geltend machen - als gesellschaftliche Klasse, das heißt als Ganzes, als Organisation. Erst mit der Entstehung der Gewerkschaften und der Arbeiterpartei beginnt der Arbeiter den Verkauf seiner Arbeitskraft zu ihrem Wert, das heißt, seine Lebenserhaltung als soziale und kulturelle Notwendigkeit durchzusetzen. Vor dem Auftreten der Gewerkschaften im Lande jedoch und vor ihrer Geltung in jedem einzelnen Gewerbezweig ist für die Gestaltung der Löhne die Tendenz des Kapitalisten maßgebend, die Lebensmittel auf das physiologische, sozusagen tierische Minimum herabzudrücken, das heißt, die Arbeitskraft ständig unter ihrem Wert zu bezahlen. Die Zeiten der zügellosen Herrschaft des Kapitals, der noch kein Widerstand durch die Arbeiterkoalition und -organisation entgegengesetzt wird, führten zu derselben barbarischen Degradation der Arbeiterklasse in bezug auf Löhne wie in bezug auf Arbeitszeit vor der Einführung der Fabrikgesetze. Es ist ein Kreuzzug des Kapitals gegen jede Spur von Luxus, Bequemlichkeit, Behaglichkeit im Leben des Arbeiters, die er noch von den früheren Zeiten des Handwerks und der Bauernwirtschaft her gewohnt war. Es |750| ist ein Bestreben, die Konsumtion des Arbeiters auf einen einfachen öden Akt der Zufuhr eines Minimums von Futter an den Leib zu reduzieren, wie das Vieh gefüttert oder die Maschine geölt wird. Dabei werden die tiefststehenden und bedürfnislosesten Arbeiter als das Muster und Beispiel den verwöhnten Arbeitern hingestellt. Dieser Kreuzzug gegen die menschliche Lebenshaltung der Arbeiter begann - wie die kapitalistische Industrie - zuerst in England. Ein englischer Schriftsteller jammerte im 18. Jahrhundert: "Man betrachte nur die haarsträubende Klasse von Überflüssigkeiten, die unsere Manufakturarbeiter verzehren, als da sind: Branntwein, Gin, Tee, Zucker, fremde Früchte, starkes Bier, gedruckte Leinwand, Schnupf und Rauchtabak usw." Den englischen Arbeitern wurden damals die französischen, holländischen, deutschen als Muster der Enthaltsamkeit hingestellt. So schrieb ein englischer Fabrikant: "Die Arbeit ist ein ganzes Drittel wohlfeiler in Frankreich als in England; denn die französischen Armen, (so nannte man die Arbeiter - R. L.) arbeiten hart und fahren hart an Nahrung und Kleidung, und ihr Hauptkonsum sind Brot, Kräuter, Wurzeln und getrockneter Fisch, denn sie essen sehr selten Fleisch und, wenn der Weizen teuer ist, sehr wenig Brot." Gegen Anfang des 19. Jahrhunderts verfaßte ein Amerikaner, Graf Rumford, ein spezielles "Kochbuch für Arbeiter" mit Rezepten zur Verbilligung ihrer Nahrung. So lautete zum Beispiel ein Rezept aus diesem berühmten Buch, das mit großer Begeisterung von der Bourgeoisie verschiedener Länder aufgenommen wurde: "Fünf Pfund Gerste, fünf Pfund Mais, für 30 Pf Heringe, 10 Pf Salz, 10 Pf Essig, 20 Pf Pfeffer und Kräuter - Summa von 2,08 M, gibt eine Suppe für 64 Menschen, ja mit den Durchschnittspreisen von Korn kann die Kost auf noch nicht 3 Pf pro Kopf herabgedrückt werden." Von den Arbeitern in den Bergwerken Südamerikas, deren tägliches Geschäft, das schwerste vielleicht in der Welt, darin besteht, eine Last Erz von 180 bis 200 Pfund aus einer Tiefe von 450 Fuß auf ihren Schultern zutage zu fördern, erzählt Justus Liebig, daß sie nur noch von Brot und Bohnen leben. Sie würden das Brot allein zur Nahrung vorziehen, allein ihre Herren, welche gefunden haben, daß sie mit Brot nicht so stark arbeiten können, behandeln sie wie Pferde und zwingen sie, die Bohnen zu essen, weil die Bohnen mehr zur Knochenbildung beitragen als Brot. In Frankreich gab es schon im Jahre 1831 die erste Hungerrevolte der Arbeiter - diejenige der Seidenweber in Lyon. Aber die größten Orgien feierte das Kapital in der Herabdrückung der Löhne unter dem Zweiten Kaiserreich in den sechziger Jahren, als die eigentliche Maschinenindustrie Einzug hielt in Frankreich. Die Unternehmer flüchteten |751| aus den Städten aufs flache Land, um billigere Hände zu Finden. Und sie brachten es darin so weit, daß es Frauen gab, die zu 1 Sou, das heißt etwa 4 Pf, Taglohn arbeiteten. Allerdings dauerte diese Herrlichkeit nicht lange; denn solche Löhne konnten nicht einmal für das tierische Dasein genügen. In Deutschland führte das Kapital zuerst ähnliche Zustände in der Textilindustrie herbei, wo die selbst unter das physiologische Minimum herabgedrückten Löhne in den vierziger Jahren zu den Hungeraufständen der Weber in Schlesien und in Böhmen führten. Heute bildet das tierische Minimum der Lebensmittel die Regel für die Löhne - bei den Landarbeitern in Deutschland, in der Konfektion, in den verschiedenen Zweigen der Hausindustrie - überall, wo die Gewerkschaft ihre Wirkung auf die Lebenshaltung nicht ausübt.

IV. 3 | Inhalt | IV. 5

Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 751-757.

1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.

IV. 4

[1]

In der Heraufschraubung der Arbeitslast und der Herabdrückung der Lebenshaltung der Arbeitenden auf das tierisch mögliche Maß und zum Teil erheblich über dasselbe gleicht die moderne kapitalistische Ausbeutung derjenigen in der Sklavenwirtschaft und der Leibeigenschaft während der ärgsten Ausartung der beiden letzten Wirtschaftsformen, also während sich beide ihrem Verfall näherten. Was aber die kapitalistische Warenproduktion ganz allein hervorgebracht hat und was zu allen früheren Zeiten gänzlich unbekannt war, das ist die teilweise Nichtbeschäftigung und deshalb Nichtkonsumtion der Arbeitenden als ständige Erscheinung, das heißt, die sogenannte Reservearmee der Arbeiter. Die kapitalistische Produktion hängt ab vom Markt und muß seiner Nachfrage folgen. Diese ändert sich aber fortwährend und erzeugt abwechselnd sogenannte gute und schlechte Geschäftsjahre, -saisons und -monate. Das Kapital muß sich fortwährend diesem Wechsel der Konjunktur anpassen und infolgedessen bald mehr, bald weniger Arbeiter beschäftigen. Es muß also, um in jedem Augenblick die nötige Zahl Arbeitskräfte auch für höchste Anforderungen des Marktes bei der Hand zu haben, ständig neben der beschäftigten Zahl Arbeiter eine beträchtliche Zahl unbeschäftigter zur Disposition in Reserve halten. Die nichtbeschäftigten Arbeiter kriegen als solche keinen Lohn, ihre Arbeitskraft wird ja nicht gekauft, sie liegt nur auf Lager; die |752| Nichtkonsumtion eines Teiles der Arbeiterklasse gehört also als wesentlicher Bestandteil zum Lohngesetz der kapitalistischen Produktion. Wie diese Arbeitslosen ihr Leben fristen, geht das Kapital nichts an, jedoch weist das Kapital jeden Versuch, die Reservearmee abzuschaffen, als Gefährdung der eigenen Lebensinteressen zurück. Ein eklatantes Beispiel dieser Art hat die englische Baumwollkrisis des Jahres 1863 geliefert. Als plötzlich durch den Mangel an amerikanischer Rohbaumwolle die Spinnereien und Webereien Englands ihre Produktion unterbrechen mußten und nahezu 1 Million Arbeiterbevölkerung brotlos wurde, entschloß sich ein Teil dieser Arbeitslosen, um dem drohenden Hungertode zu entgehen, nach Australien auszuwandern. Sie verlangten vom englischen Parlament die Bewilligung von 2 Millionen Pfund Sterling, um die Auswanderung von 50.000 beschäftigungslosen Arbeitern zu ermöglichen. Allein gegen dieses Ansinnen der Arbeiter erhoben die Baumwollfabrikanten einen Entrüstungsschrei. Die Industrie könne ohne Maschinen nicht auskommen, und die Arbeiter seien gleichfalls Maschinen, sie müßten also vorrätig sein. "Das Land" würde einen Verlust von 4 Millionen Pfund Sterling erleiden, wenn die hungernden Arbeitslosen sich plötzlich entfernten. Das Parlament verweigerte demgemäß den Auswanderungsfonds, und die Arbeitslosen blieben an ihr Hungertuch gefesselt, um die nötige Reserve für das Kapital zu bilden. Ein anderes drastisches Beispiel lieferten die französischen Kapitalisten im Jahre 1871. Als nach dem Falle der Kommune die Niedermetzelung der Pariser Arbeiter mit und ohne gerichtliche Form in so enormem Maße betrieben wurde, daß Zehntausende Proletarier, und zwar die besten und tüchtigen, die Elite der Arbeiterschaft, hingemordet wurden, entstand in der Unternehmerschaft mitten im befriedigten Rachegefühl die Unruhe, der Mangel an vorrätigen "Händen" könnte bald dem Kapital schmerzlich werden; die Industrie ging nämlich gerade damals, nach der Beendigung des Krieges, einem lebhaften Aufschwung des Geschäftes entgegen. Mehrere Pariser Unternehmer verwendeten sich deshalb bei den Gerichten, um die Verfolgungen der Kommunekämpfer zu mäßigen und die Arbeitshände vom Gemetzel des Säbels für den Arm des Kapitals zu retten.

Die Reservearmee hat aber für das Kapital eine doppelte Funktion: einmal für jeden plötzlichen Aufschwung des Geschäfts die Arbeitskraft zu liefern und zweitens durch die Konkurrenz der Arbeitslosen einen ständigen Druck auf die Beschäftigten auszuüben und ihre Löhne auf ein Minimum herabzubringen.

Marx unterscheidet in der Reservearmee vier verschiedene Schichten, |753| deren Funktion für das Kapital und [deren] Lebensbedingungen sich verschieden gestalten. Die oberste Schicht, das sind die periodisch beschäftigungslosen Industriearbeiter, die in allen, auch den bestgestellten Berufen ständig vorhanden sind. Ihr Personal ändert sich fortwährend, weil jeder Arbeiter in gewissen Zeiten arbeitslos, in anderen beschäftigt ist; ihre Zahl fluktuiert auch stark mit dem Geschäftsgang, sie wird sehr groß zuzeiten der Krise und gering in guten Konjunkturen; sie versiegt aber nie und wächst im allgemeinen mit dem Fortgang der industriellen Entwicklung. Die zweite Schicht, das ist das vom flachen Lande nach der Stadt strömende Proletariat, unqualifizierte Arbeiter, die mit niedrigsten Ansprüchen auf dem Markt erscheinen und als einfache Arbeiter nicht an einen bestimmten Arbeitszweig gefesselt sind, sondern als Reservoir für alle auf die Beschäftigung lauern. Die dritte Kategorie, das sind die tiefstehenden Proletarier, die keine regelmäßige Beschäftigung haben und ständig auf der Suche bald nach dieser, bald nach anderer Gelegenheitsarbeit sind. Hier sind die längste Arbeitszeit, die niedrigsten Löhne zu finden, und deshalb ist diese Schicht nicht nur ebenso nützlich, sondern direkt ebenso unentbehrlich für das Kapital wie die früheren höherstehenden. Diese Schicht rekrutiert sich fortwährend aus den Überzähligen der Industrie und der Landwirtschaft, namentlich aber aus dem zugrunde gehenden Kleinhandwerk und den absterbenden untergeordneten Berufen. Sie bilden die breite Grundlage für die Hausindustrie und wirkt überhaupt sozusagen hinter den Kulissen, hinter dem offiziellen Schauplatz der Industrie. Hier aber hat sie nicht nur keine Tendenz zu verschwinden, sondern wächst im Gegenteil sowohl durch zunehmende Wirkungen der Industrie in der Stadt und auf dem Lande wie durch die stärkste Kinderzeugung.

Endlich die vierte Schicht der proletarischen Reservearmee, das sind die direkten Paupers, die Armen, zum Teil Arbeitsfähige, die in Zeiten guten Geschäftsganges von der Industrie oder dem Handel teilweise beschäftigt werden, um in Zeiten der Krise als die ersten ausgestoßen zu werden, zum Teil Arbeitsunfähige: veraltete Arbeiter, die die Industrie nicht mehr brauchen kann, proletarische Witwen, Waisen und Pauperkinder, verkrüppelte und verstümmelte Opfer der großen Industrie, des Bergbaus usw., endlich der Arbeit Entwöhnte: Vagabunden und dergleichen. Diese Schicht mündet direkt in das Lumpenproletariat: Verbrecher, Prostituierte. Der Pauperismus, sagt Marx, bildet das Invalidenhaus der Arbeiterklasse und das tote Gewicht ihrer Reservearmee. Seine Existenz folgt ebenso notwendig und unvermeidlich aus der Reservearmee wie die |754| Reservearmee aus der Entwicklung der Industrie. Die Armut und das Lumpenproletariat gehören zu den Existenzbedingungen des Kapitalismus und wachsen mit ihm zusammen: je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital und die durch es beschäftigte Arbeitermasse, um so größer auch die vorrätige Schicht der Arbeitslosen, die Reservearmee; je größer die Reservearmee im Verhältnis zu der beschäftigten Arbeitermasse. um so größer die unterste Schicht der Armut, des Pauperismus, des Verbrechens. Mit dem Kapital und Reichtum wächst also unvermeidlich auch die Größe der Unbeschäftigten und Unentlohnten und damit auch die Lazarusschicht der Arbeiterklasse - die offizielle Armut. "Dies", sagt Marx, "ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation."[2]

Die Bildung einer ständigen und wachsenden Schicht von Arbeitslosen war, wie wir gesagt haben, in allen früheren Gesellschaftsformen unbekannt. In der kommunistischen Urgemeinde arbeitet selbstverständlich jeder, soweit dies zum Lebensunterhalt notwendig, zum Teil weil aus unmittelbarem Bedürfnis, zum Teil unter dem Druck der moralischen und gesetzlichen Autorität des Stammes, der Gemeinde. Es sind aber auch alle Mitglieder der Gesellschaft mit den zugänglichen Mitteln zum Leben versehen. Die Lebenshaltung der primitiven kommunistischen Gruppe ist freilich eine ziemlich niedrige und einfache, die Lebensbequemlichkeiten sind primitive. Aber insofern Mittel zum Leben da sind. sind sie für alle gleichmäßig da, und die Armut im heutigen Sinne, die Entblößung von den vorhandenen Mitteln der Gesellschaft, ist in jenen Zeiten ganz unbekannt. Der primitive Stamm hungert manchmal oder oft, wenn die Ungunst der Naturverhältnisse ihn verfolgt, aber sein Mangel ist dann Mangel der Gesellschaft als solcher, der Mangel eines Teils von Mitgliedern bei Überfluß eines anderen Teiles ist etwas Undenkbares; denn soweit die Lebensmittel der Gesellschaft im ganzen gesichert sind, ist die Existenz jedes einzelnen Mitgliedes gesichert.

In der orientalischen und antiken Sklaverei sehen wir dasselbe. Sosehr der ägyptische Staatssklave oder der griechische Privatsklave ausgebeutet und geschunden wird, so groß der Abstand zwischen seiner kargen Lebenshaltung und dem Überfluß des Herrn sein mochte, diese seine Lebenshaltung war ihm jedoch durch das Sklavenverhältnis selbst gesichert. Man ließ die Sklaven nicht vor Mangel umkommen, wie man heute sein eigenes Pferd oder Vieh nicht umkommen läßt. Das nämliche in den mittelalterlichen Fronverhältnissen: Die Fesselung der Bauernschaft an die Scholle |755| und der feste Aufbau des ganzen feudalen Abhängigkeitssystems, wo jedermann Herr über andere oder eines Herrn Diener oder beides zugleich sein mußte, dieses System wies jedem einen bestimmten Platz zu. Und mochte die Auspressung der Leibeigenen noch so arg sein, sie von der Scholle zu vertreiben, also sie der Lebensmittel zu berauben, hatte kein Herr das Recht, im Gegenteil, das Fronverhältnis verpflichtete den Herrn in Unglücksfällen, wie Brand, Hochwasser, Hagel etc., den verarmten Bauern zu unterstützen. Erst gegen den Ausgang des Mittelalters, mit dem Zusammenbruch des Feudalismus und dem Einzug des modernen Kapitals, beginnt das Bauernlegen. Im Mittelalter jedoch war durchweg die Existenz der großen Masse der Arbeitenden gesichert. Zum Teil bildete sich schon damals ein geringes Kontingent Armer und Bettler infolge von zahlreichen Kriegen oder von einzelnen Vermögensverlusten. Aber die Erhaltung dieser Armen galt als Pflicht der Gesellschaft. Schon Kaiser Karl der Große bestimmt ausdrücklich in seinen Kapitularien: "Was die Bettler betrifft, die im Lande herumstreichen, so wollen wir, daß jeder von unseren Vasallen die Armen ernährt. sei es auf dem ihm verliehenen Gut oder im Innern seines Hauses, und daß er ihnen nicht erlaubt, anderswo betteln zu gehen." Später war es ein spezieller Beruf der Klöster, die Armen zu beherbergen und ihnen, wenn sie arbeitsfähig waren, Arbeit zu verschaffen. Im Mittelalter war also jeder Bedürftige in jedem Hause der Aufnahme sicher, die Ernährung Mittelloser galt als einfache Pflicht und war keinesfalls mit dem Makel der Verächtlichkeit eines heutigen Bettlers verbunden.

Nur einen Fall kennt die Geschichte der Vergangenheit, wo eine große Schicht der Bevölkerung beschäftigungslos und brotlos gemacht wurde. Es ist dies der schon erwähnte Fall des altrömischen Bauerntums, das vom Grund und Boden verdrängt und in Proletariat verwandelt wurde, für welches keine Beschäftigung übrig war. Diese Proletarisierung der Bauern war freilich eine logische und notwendige Folge der Ausbildung der großen Latifundien sowie der Verbreitung der Sklavenwirtschaft. Aber sie war für den Bestand der Sklavenwirtschaft und des großen Grundbesitzes durchaus nicht nötig. Im Gegenteil, das unbeschäftigte römische Proletariat war bloß ein Unglück, eine reine Last für die Gesellschaft, und die Gesellschaft suchte mit allen ihr zugänglichen Mitteln: durch periodische Verteilung von Grund und Boden, durch Verteilung von Lebensmitteln, durch Regulierung einer enormen Korneinfuhr und künstliche Verbilligung des Getreides, dem Proletariat und seiner Armut |756| zu steuern. Schließlich wurde dieses große Proletariat im alten Rom schlecht oder recht vom Staate direkt erhalten.

Die kapitalistische Warenproduktion ist also die erste Wirtschaftsform in der Geschichte der Menschheit, bei der die Beschäftigungslosigkeit und die Mittellosigkeit einer großen und wachsenden Schicht der Bevölkerung und direkte hoffnungslose Armut einer anderen gleichfalls wachsenden Schicht nicht bloß eine Folge, sondern auch eine Notwendigkeit, eine Lebensbedingung dieser Wirtschaft ist. Unsicherheit der Existenz der gesamten arbeitenden Masse und chronischer Mangel, zum Teil direkte Armut bestimmter breiter Schichten sind zum erstenmal eine normale Erscheinung der Gesellschaft. Und die Gelehrten der Bourgeoisie, die sich keine andere Gesellschaftsform als die heutige vorstellen können, sind so von dieser Naturnotwendigkeit der Schicht der Arbeitslosen und Brotlosen durchdrungen, daß sie sie als ein von Gott gewolltes Naturgesetz erklären. Der Engländer Malthus erbaute darauf im Anfang des 19. Jahrhunderts seine berühmte Theorie der Übervölkerung, wonach die Armut daher entstehe, daß die Menschheit die üble Gewohnheit habe, rascher ihre Kinder zu vermehren als ihre Lebensmittel,

Es ist aber, wie wir gesehen, nichts anderes als die einfache Wirkung der Warenproduktion und des Warenaustausches, die zu diesen Ergebnissen führt. Dieses Warengesetz, das formell auf völliger Gleichheit und Freiheit beruht, ergibt ganz mechanisch, ohne jede Einmischung der Gesetze oder der Gewalt, mit eiserner Notwendigkeit eine so krasse soziale Ungleichheit, wie sie in allen früheren auf direkter Herrschaft eines Menschen über den anderen beruhenden Verhältnissen vollständig unbekannt war. Zum erstenmal wird direkter Hunger zur Geißel, die täglich das Leben der arbeitenden Masse peitscht. Und auch das erklärt man als ein Naturgesetz. Der anglikanische Pfaffe Townsend schrieb schon im Jahre 1786: "Es scheint ein Naturgesetz, daß die Armen zu einem gewissen Grad leichtsinnig sind, so daß stets welche da sind zur Erfüllung der servilsten, schmutzigsten und gemeinsten Funktionen des Gemeinwesens. Der Fonds von menschlichem Glück wird dadurch sehr vermehrt, die Delikateren sind von der Plackerei befreit und können höherem Beruf usw. ungestört nachgehn ... Das Armengesetz hat die Tendenz, die Harmonie und Schönheit, die Symmetrie und Ordnung dieses Systems, welches Gott und die Natur in der Welt errichtet haben, zu zerstören."[3]

Die "Delikaten", die auf Kosten anderer leben, haben übrigens schon |757| in jeder Gesellschaftsform, die ihnen die Freuden des Ausbeuterlebens sichert, einen Finger Gottes und ein Naturgesetz gesehen. Die größten Geister entgehen dieser historischen Täuschung nicht. So schrieb mehrere Jahrtausende vor dem englischen Pfaffen der große griechische Denker Aristoteles: "Es ist die Natur selbst, die die Sklaverei geschaffen hat. Die Tiere teilen sich in Männchen und Weibchen. Das Männchen ist ein vollkommeneres Tier, und es herrscht; das Weibchen ist weniger vollkommen, und es gehorcht. Ebenso gibt es im Menschengeschlecht Individuen, die soviel tiefer stehen unter den anderen, wie der Leib unter der Seele oder das Tier unter dem Menschen steht; das sind Wesen, die nur zu körperlichen Arbeiten taugen und die unfähig sind, etwas Vollkommeneres zu vollbringen. Diese Individuen sind durch die Natur zur Sklaverei bestimmt, weil es für sie nichts Besseres gibt, als anderen zu gehorchen ... Besteht denn schließlich ein so großer Unterschied zwischen dem Sklaven und dem Tier? Ihre Arbeiten gleichen sich, sie sind uns nur durch ihren Leib nützlich. Schließen wir also aus diesen Prinzipien, daß die Natur gewisse Menschen für die Freiheit und andere für die Sklaverei geschaffen hat, daß es also nützlich und gerecht ist, daß der Sklave sich fügt."[4] Die "Natur", die also für jede Form der Ausbeutung verantwortlich gemacht wird, müßte jedenfalls ihren Geschmack mit der Zeit sehr verdorben haben. Denn falls es sich noch lohnen mochte, eine große Volksmasse zur Schmach der Sklaverei zu erniedrigen, um ein freies Philosophenvolk und Genies wie Aristoteles auf ihrem Rücken zu erhöhen, so ist die Erniedrigung der heutigen Millionen Proletarier zur Aufzucht ordinärer Fabrikanten und fetten Pfaffen ein wenig verlockendes Ziel.



Redaktionelle Anmerkungen

[1] Randnotiz R. L.: Entstehung der Res.armee. <=

[2] Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 674. <=

[3] Zit. nach: Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werte, Bd. 23, S 676. <=

[4] Siehe Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen und Registern versehen von Eug. Rolfes, Leipzig 1948, S. 27-31. <=