Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie - IV. 5
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Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 757-762.
1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.
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|757| Wir haben bis jetzt untersucht, welche Lebenshaltung die kapitalistische Warenwirtschaft der Arbeiterklasse und ihren verschiedenen Schichten sichert. Aber wir wissen noch nichts Genaues vom Verhältnis dieser Lebenshaltung der Arbeiter zum gesellschaftlichen Reichtum im ganzen. Denn die Arbeiter können zum Beispiel in einem Falle mehr Lebensmittel, reichlichere Nahrung, bessere Kleidung als früher haben, wenn aber der Reichtum der anderen Klassen noch viel schneller gewachsen ist, so ist der Anteil der Arbeiter am gesellschaftlichen Produkt kleiner geworden. Die |758| Lebenshaltung der Arbeiter an sich, absolut genommen, kann also steigen, während ihr Anteil, relativ zu anderen Klassen genommen, sinken kann. Die Lebenshaltung jedes Menschen und jeder Klasse kann aber nur dann richtig beurteilt werden, wenn man sie an den Verhältnissen der gegebenen Zeit und der anderen Schichten derselben Gesellschaft einschätzt. Der Fürst eines primitiven, halbwilden oder barbarischen Negerstammes in Afrika hat eine niedrigere Lebenshaltung, das heißt einfachere Wohnung, schlechtere Kleidung, rohere Nahrung, als ein durchschnittlicher Fabrikarbeiter in Deutschland. Aber dieser Fürst lebt doch im Vergleich mit den Mitteln und Anforderungen seines Stammes "fürstlich", wenn der Fabrikarbeiter in Deutschland, verglichen mit dem Luxus der reichen Bourgeoisie und den Bedürfnissen der heutigen Zeit, recht armselig lebt. Um also die Stellung der Arbeiter in der heutigen Gesellschaft richtig zu beurteilen, ist es notwendig, nicht nur den absoluten Lohn, das heißt die Größe des Arbeitslohnes an sich, sondern auch den relativen Lohn, das heißt den Anteil, den der Lohn des Arbeiters am ganzen Produkt seiner Arbeit ausmacht, zu untersuchen. Wir haben in unserem Beispiel früher angenommen, der Arbeiter müsse bei elfstündigem Arbeitstag die ersten sechs Stunden seinen Lohn, das heißt seine Lebensmittel, abarbeiten und dann fünf Stunden umsonst für den Kapitalisten Mehrwert schaffen. In diesem Beispiel haben wir also vorausgesetzt, daß die Herstellung von Lebensmitteln für den Arbeiter sechs Stunden Arbeit kostet. Wir haben auch gesehen, daß der Kapitalist mit allen Mitteln die Lebenshaltung des Arbeiters herabzudrücken sucht, um möglichst die unbezahlte Arbeit, den Mehrwert, zu vergrößern. Nehmen wir aber an, die Lebenshaltung des Arbeiters ändere sich nicht, das heißt, er sei in der Lage, sich immer die selbe Menge Nahrung, Kleidung, Wäsche, Möbel etc. zu verschaffen. Nehmen wir also an, der Lohn gehe absolut genommen nicht herunter. Wenn jedoch die Herstellung aller dieser Lebensmittel durch Fortschritte in der Produktion billiger geworden ist und jetzt zum Beispiel weniger Zeit erfordert, so wird jetzt der Arbeiter kürzere Zeit brauchen, um seinen Lohn abzuarbeiten. Nehmen wir an, die Menge Nahrung, Kleidung, Möbel usw., die der Arbeiter täglich braucht, erfordere nun nicht mehr sechs Stunden Arbeit, sondern nur noch fünf. Dann wird der Arbeiter bei seinem elfstündigen Arbeitstag nicht sechs, sondern bloß fünf Stunden für die Ersetzung seines Lohnes arbeiten, und es bleiben ihm ganze sechs Stunden für die unbezahlte Arbeit, zur Schaffung des Mehrwerts für den Kapitalisten. Der Anteil des Arbeiters an seinem Produkt ist um ein Sechstel geringer geworden, der Anteil des Kapitalisten um ein Fünftel |759| gewachsen. Dabei ist aber der absolute Lohn gar nicht gesunken. Ja es kann sogar vorkommen, daß die Lebenshaltung der Arbeiter erhöht wird, das heißt, die absoluten Löhne steigen, sagen wir um 10 Prozent, und zwar nicht bloß die Geldlöhne, sondern auch die reellen Lebensmittel der Arbeiter. Wenn aber die Produktivität der Arbeit in derselben Zeit oder bald darauf um 15 Prozent steigt, dann ist der Anteil der Arbeiter am Produkt, das heißt ihr relativer Lohn, tatsächlich gesunken, trotzdem der absolute Lohn gestiegen ist. Der Anteil des Arbeiters am Produkt hängt also von der Produktivität der Arbeit ab. Mit je weniger Arbeit seine Lebensmittel hergestellt werden, um so geringer sein relativer Lohn. Werden die Hemden, die er trägt, die Stiefel, die Mützen durch Fortschritte der Fabrikation mit weniger Arbeit hergestellt als früher, so mag er sich dieselbe Menge Hemden, Stiefel und Mützen mit seinem Lohn verschaffen können, er bekommt gleichwohl jetzt einen geringeren Teil des gesellschaftlichen Reichtums, der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Aber in den täglichen Gebrauch des Arbeiters gehen in gewissen Mengen alle möglichen Produkte und Rohstoffe ein. Denn nicht bloß die Hemdenfabrikation verbilligt die Lebenshaltung des Arbeiters, sondern auch die Baumwollfabrikation, die für die Hemden Stoff liefert, und die Maschinenindustrie, die die Nähmaschinen liefert, und die Garnindustrie, die das Garn verschafft. Ebenso verbilligen die Lebensmittel des Arbeiters nicht bloß die Fortschritte in der Bäckerei, sondern auch die amerikanische Landwirtschaft, die das Getreide massenhaft liefert, und die Fortschritte im Eisenbahn und Dampfschiffverkehr, die das Getreide von Amerika nach Europa schaffen usw. So führt jeder Fortschritt der Industrie, jede Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeit dazu, daß der Lebensunterhalt der Arbeiter immer weniger Arbeit kostet. Der Arbeiter muß also einen immer geringeren Teil seines Arbeitstages für die Ersetzung seines Lohnes verwenden, und immer größer wird der Teil, worin er unbezahlte Arbeit, Mehrwert für den Kapitalisten schafft.
Aber der ständige, unaufhörliche Fortschritt der Technik ist eine Notwendigkeit, eine Lebensbedingung für die Kapitalisten. Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmern zwingt jeden von ihnen dazu, seine Produkte möglichst billig, das heißt mir möglichster Ersparnis der menschlichen Arbeit, herzustellen. Und hat irgendein Kapitalist in seiner Fabrik ein neues, verbessertes Verfahren eingeführt, so zwingt dieselbe Konkurrenz alle anderen Unternehmer derselben Branche, gleichfalls die Technik zu verbessern, um sich nicht aus dem Felde, das heißt vom Warenmarkt schlagen zu lassen. Dies drückt sich nach außen hin sichtbar [aus] in der |760| allgemeinen Einführung des Maschinenbetriebs an Stelle des Handbetriebes und der immer rascheren Einführung neuer, verbesserter Maschinen an Stelle der alten. Technische Erfindungen auf allen Gebieten der Produktion sind das tägliche Brot geworden. So ist die technische Umwälzung der gesamten Industrie, sowohl in der eigentlichen Produktion wie in den Verkehrsmitteln, eine unaufhörliche Erscheinung, ein Lebensgesetz der kapitalistischen Warenproduktion. Und jeder Fortschritt in der Produktivität der Arbeit äußert sich in der Verringerung der Menge Arbeit, die zur Erhaltung des Arbeiters nötig ist. Das heißt: Die kapitalistische Produktion kann keinen Schritt vorwärts machen, ohne den Anteil der Arbeiter am gesellschaftlichen Produkt zu verringern. Mit jeder neuen Erfindung der Technik, mit jeder Verbesserung der Maschinen, mit jeder neuen Anwendung von Dampf und Elektrizität in der Produktion und im Verkehr wird der Anteil des Arbeiters am Produkt kleiner und der Anteil der Kapitalisten größer. Der relative Lohn fällt immer tiefer und tiefer, unaufhaltsam und ununterbrochen, der Mehrwert, das heißt der unbezahlte, aus dem Arbeiter erpreßte Reichtum der Kapitalisten, wächst ebenso unaufhaltsam und ständig immer höher und höher.
Wir sehen auch hier wieder einen schlagenden Unterschied zwischen der kapitalistischen Warenproduktion und allen früheren Wirtschaftsformen der Gesellschaft. In der primitiven kommunistischen Gesellschaft wird, wie wir wissen, das Produkt direkt nach der Produktion zwischen alle Arbeitenden, das heißt alle Mitglieder, denn es gibt noch so gut wie keine Nichtarbeiter, gleichmäßig verteilt. Unter den Hörigkeitsverhältnissen ist nicht Gleichheit, sondern Ausbeutung der Arbeitenden durch Nichtarbeitende maßgebend. Aber es wird nicht der Anteil des Arbeitenden, des Fronbauern, an der Frucht seiner Arbeit bestimmt, sondern es wird, umgekehrt, der Anteil des Ausbeuters, des Fronherrn, genau fixiert als bestimmte Fronden und Abgaben, die er vom Bauern zu bekommen hat. Was danach übrigbleibt an Arbeitszeit und an Produkt, ist Anteil des Bauern, so daß dieser in normalen Verhältnissen, vor der äußersten Ausartung der Leibeigenschaft, in gewissem Umfang die Möglichkeit hat, durch Anspannen seiner Arbeitskräfte seinen eigenen Anteil zu vergrößern. Freilich wird dieser Anteil des Bauern durch die wachsenden Forderungen des Adels und der Geistlichkeit an Abgaben und Fronden mit dem Fortgang des Mittelalters immer geringer. Aber es sind stets bestimmte, wenn auch noch so willkürlich festgesetzte Normen, sichtbare, von Menschen - und seien diese Menschen auch Unmenschen - festgesetzte Normen, die den Anteil des Fronbauern wie seines feudalen Aussaugers am |761| Produkt bestimmen. Deshalb sieht und fühlt der mittelalterliche Fronbauer und der Leibeigene ganz genau, wenn ihm größere Lasten auferlegt und sein eigener Anteil verkümmert wird. Und daher ist ein Kampf gegen diese Verringerung des Anteils möglich, und er bricht auch tatsächlich, wo dies nur äußerlich möglich, als ein offener Kampf des ausgebeuteten Bauern gegen die Verkürzung seines Anteils an seinem Arbeitsprodukt aus. Unter bestimmten Bedingungen wird dieser Kampf auch von Erfolg gekrönt: Die Freiheit des städtischen Bürgertums ist nicht anders entstanden als dadurch, daß sich die anfänglich hörigen Handwerker allmählich von den mannigfachen Fronden, Kurmeden, Besthaupt, Gewandrecht und wie die tausend Schröpfmittel der Feudalzeit hießen, eines nach dem anderen entledigten, bis sie sich den Rest - die politischen Rechte - im offenen Kampf eroberten.
Bei dem Lohnsystem existieren keine gesetzlichen oder gewohnheitsrechtlichen oder auch nur gewaltartigen, willkürlichen Bestimmungen über den Anteil des Arbeiters an seinem Produkt. Dieser Anteil wird bestimmt durch den jeweiligen Grad der Produktivität der Arbeit, durch den Stand der Technik und nicht irgendeine Willkür der Ausbeuter, sondern der Fortschritt der Technik ist es, der den Anteil des Arbeiters unaufhörlich unbarmherzig herabdrückt. Es ist dies also eine ganz unsichtbare Macht, eine einfache mechanische Wirkung der Konkurrenz und der Warenproduktion, die dem Arbeiter eine immer größere Portion seines Produkts entreißt und eine immer kleinere übrigläßt, eine Macht, die still, unmerklich, hinter dem Rücken der Arbeiter ihre Wirkung vollzieht und gegen die deshalb der Kampf ganz unmöglich ist, Die persönliche Rolle des Ausbeuters ist noch sichtbar, wo es sich um den absoluten Lohn, das heißt die reelle Lebenshaltung handelt. Eine Lohnverringerung, die eine Herabdrückung der reellen Lebenshaltung der Arbeiter herbeiführt, ist ein sichtbares Attentat der Kapitalisten gegen die Arbeiter und wird von diesen, wo die Gewerkschaft ihre Wirkung erstreckt, in der Regel mit sofortigem Kampf beantwortet, in günstigen Fällen auch abgewehrt. Hingegen das Sinken des relativen Lohns wird anscheinend ohne die geringste persönliche Teilnahme des Kapitalisten bewirkt, und dagegen haben die Arbeiter innerhalb des Lohnsystems, das heißt auf dem Boden der Warenproduktion, gar keine Möglichkeit des Kampfes und der Abwehr. Gegen die technischen Fortschritte der Produktion, gegen Erfindungen, Maschineneinführung, gegen Dampf und Elektrizität, gegen Verbesserungen der Verkehrsmittel können die Arbeiter nicht ankämpfen. Die Wirkung aller dieser Fortschritte auf den relativen Lohn der Arbeiter ergibt sich aber ganz |762| mechanisch aus der Warenproduktion und aus dem Warencharakter der Arbeitskraft. Deshalb sind die mächtigsten Gewerkschaften ganz ohnmächtig gegen diese Tendenz des relativen Lohns zum rapiden Sinken. Der Kampf gegen das Sinken des relativen Lohns bedeutet deshalb auch den Kampf gegen den Warencharakter der Arbeitskraft, das heißt gegen die kapitalistische Produktion im ganzen. Der Kampf gegen den Fall des relativen Lohns ist also nicht mehr ein Kampf auf dem Boden der Warenwirtschaft, sondern ein revolutionärer, umstürzlerischer Anlauf gegen den Bestand dieser Wirtschaft, er ist die sozialistische Bewegung des Proletariats.
Daher die Sympathien der Kapitalistenklasse für die anfänglich grimmig bekämpften Gewerkschaften, nachdem der sozialistische Kampf begonnen und insofern sich die Gewerkschaften dem Sozialismus entgegenstellen lassen. In Frankreich waren alle Kämpfe der Arbeiter um die Erringung des Koalitionsrechts bis zu den siebziger Jahren vergeblich, und die Gewerkschaften wurden mit drakonischen Strafen verfolgt. Bald jedoch, nachdem der Kommuneaufstand die gesamte Bourgeoisie in eine wahnsinnige Angst vor dem roten Gespenst versetzt hatte, begann ein plötzlicher schroffer Umschwung der öffentlichen Meinung. Das Leiborgan des Präsidenten Gambetta, die "République Française", und die ganze herrschende Partei der "satten Republikaner" fängt an, die Gewerkschaftsbewegung zu begönnern, ja eifrig zu propagieren. Den englischen Arbeitern wurden in den Anfängen des 19. Jahrhunderts die enthaltsamen deutschen Arbeiter als Muster vorgehalten, heute wird umgekehrt der englische Arbeiter, und zwar nicht der enthaltsame, sondern der "begehrliche", beefsteakessende Tradeunionist, dem deutschen Arbeiter als Musterknabe zur Nachahmung empfohlen. So wahr ist es, daß der Bourgeoisie auch der erbittertste Kampf um die Erhöhung des absoluten Lohns der Arbeiter als eine harmlose Kleinigkeit erscheint gegenüber dem Attentat auf das Allerheiligste - auf das mechanische Gesetz des Kapitalismus zum ständigen Herabdrücken des relativen Arbeitslohns.
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Rosa Luxemburg - Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 5. Berlin/DDR. 1975. "Einführung in die Nationalökonomie", S. 762-768.
1. Korrektur Erstellt am 06.01.1999.
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|762| Erst wenn wir alle dargelegten Folgen des Lohnverhältnisses zusammenfassen, können wir uns das kapitalistische Lohngesetz vorstellen, das die materielle Lebenslage des Arbeiters bestimmt. Es ist also dabei vor allem der absolute Lohn vom relativen Lohn zu unterscheiden. Der absolute |763| Lohn wiederum erscheint in der doppelten Gestalt: einmal als eine Geldsumme, das heißt als nomineller Lohn, zweitens als eine Summe Existenzmittel, die der Arbeiter für dieses Geld erwerben kann, das heißt als reeller Lohn. Der Geldlohn der Arbeiter kann konstant bleiben oder auch steigen, und die Lebenshaltung, das heißt der reelle Lohn, kann dabei sinken. Der reelle Lohn hat nun die ständige Tendenz, auf das absolute Minimum, auf das physische Existenzminimum zu sinken, das heißt, es besteht die ständige Tendenz des Kapitals, die Arbeitskraft unter ihrem Werte zu bezahlen. Ein Gegengewicht wird dieser Tendenz des Kapitals erst durch die Arbeiterorganisation geschaffen. Die Hauptfunktion der Gewerkschaften besteht darin, daß sie durch die Erhöhung der Bedürfnisse der Arbeiter, durch ihre sittliche Hebung, an Stelle des physischen Existenzminimums erst das kulturelle gesellschaftliche Existenzminimum, das heißt eine bestimmte kulturelle Lebenshaltung der Arbeiter schaffen, unter welche die Löhne nicht herabgehen können, ohne sofort einen Kampf der Koalition, eine Abwehr hervorzurufen. Darin liegt namentlich auch die große ökonomische Bedeutung der Sozialdemokratie, daß sie durch die geistige und politische Aufrüttelung der breiten Massen der Arbeiter ihr kulturelles Niveau und dadurch ihre ökonomischen Bedürfnisse erhöht. Indem zum Beispiel das Abonnieren einer Zeitung, das Kauten von Broschüren zu Lebensgewohnheiten des Arbeiters werden, erhöht sich dem genau entsprechend seine wirtschaftliche Lebenshaltung und infolgedessen die Löhne. Die Wirkung der Sozialdemokratie in dieser Hinsicht ist von doppelter Tragweite, insofern die Gewerkschaften eines gegebenen Landes mit der Sozialdemokratie eine offene Allianz unterhalten, weil alsdann die Gegnerschaft zur Sozialdemokratie auch die bürgerlichen Schichten zur Gründung von Konkurrenzgewerkschaften treibt, die ihrerseits die erzieherische Wirkung der Organisation und die Hebung des Kulturniveaus in weitere Kreise des Proletariats tragen. So sehen wir, daß in Deutschland außer den freien Gewerkschaften, die mit der Sozialdemokratie liiert sind, zahlreiche christliche, katholische und freisinnige Gewerkvereine wirken. Desgleichen werden in Frankreich zur Bekämpfung der sozialistischen Gewerkschaften sogenannte gelbe Gewerkschaften gegründet, in Rußland sind die heftigsten Ausbrüche der jetzigen revolutionären Massen- |764| streiks von "gelben", regierungsfrommen Gewerkschaften ausgegangen. Hingegen in England, wo die Gewerkschaften sich vom Sozialismus fernhalten, bemüht sich die Bourgeoisie nicht, selbst in die proletarischen Schichten den Gedanken der Koalition zu tragen.
Die Gewerkschaft spielt also eine unentbehrliche organische Rolle bei dem modernen Lohnsystem. Erst durch die Gewerkschaft wird nämlich die Arbeitskraft als Ware in die Lage versetzt, zu ihrem Wert verkauft zu werden. Das kapitalistische Warengesetz wird in bezug auf die Arbeitskraft durch die Gewerkschaften nicht aufgehoben, wie Lassalle irrtümlich annahm, sondern umgekehrt durch sie erst verwirklicht. Der systematische Schleuderpreis, zu dem der Kapitalist die Arbeitskraft zu kaufen bestrebt ist, wird dank der gewerkschaftlichen Aktion zum mehr oder weniger reellen Preis gehoben.
Diese ihre Funktion üben die Gewerkschaften jedoch mitten unter dem Druck der mechanischen Gesetze der kapitalistischen Produktion aus, nämlich erstens der ständigen Reservearmee nichtbeschäftigter Arbeiter und zweitens des beständigen Wechsels des Hoch- und Niedergangs der Konjunktur. Beide Gesetze pressen die Wirkung der Gewerkschaften in unüberwindliche Schranken ein. Der beständige Wechsel der industriellen Konjunktur zwingt die Gewerkschaften dazu, bei jedem Niedergang die alten Errungenschaften vor neuen Angriffen des Kapitals zu verteidigen und bei jedem Hochgang erst durch Kampf den herabgedrückten Lohnstand auf das der günstigen Situation entsprechende Niveau wieder zu heben. Die Gewerkschaften werden somit stets in die Defensive verwiesen. Die industrielle Reservearmee der Arbeitslosen aber schränkt die Wirkung der Gewerkschaften sozusagen räumlich ein: Der Organisation und ihrer Einwirkung ist nur zugänglich die obere Schicht der besser situierten Industriearbeiter, bei denen die Arbeitslosigkeit nur eine periodische und nach dem marxschen Ausdruck "fließende" ist. Dagegen die tieferstehende Schicht der ständig vom flachen Lande nach der Stadt strömenden ungelernten Ackerbauproletarier sowie aller halbländlichen unregelmäßigen Berufe, wie Ziegelfabrikation, Erdarbeiten, eignet sich schon durch die räumlichen und zeitlichen Bedingungen ihrer Beschäftigungsart sowie durch das soziale Milieu bedeutend weniger zur gewerkschaftlichen Organisation. Endlich die breiten unteren Schichten der Reservearmee: die Arbeitslosen mit unregelmäßiger Beschäftigung, die Hausindustrie, weiter die zufällig beschäftigten Armen entziehen sich ganz der Organisation. Im allgemeinen: Je größer die Not und der Druck in einer proletarischen Schicht, um so geringer die Möglichkeit der gewerkschaftlichen |765| Einwirkung. Die gewerkschaftliche Aktion wirkt also sehr schwach in die Tiefe des Proletariats, dagegen stark in die Breite, das heißt, wenn die Gewerkschaften auch nur einen Teil der obersten Schicht des Proletariats umfassen, ihre Einwirkung erstreckt sich auf die ganze Schicht, weil ihre Errungenschaften der ganzen Masse der in den betreffenden Berufen beschäftigten Arbeiter zugute kommen. Daher wirkt die gewerkschaftliche Aktion auf eine stärkere Differenzierung innerhalb der proletarischen Masse, indem sie die oberen, organisationsfähigen Vordertruppen der Industriearbeiter aus dem Elend emporhebt, zusammenfaßt und konsolidiert. Der Abstand zwischen der oberen Schicht und den unteren Schichten der Arbeiterklasse wird dadurch größer. In keinem Lande ist er so groß wie in England, wo die ergänzende kulturelle Wirkung der Sozialdemokratie auf die tieferen, wenig organisationsfähigen Schichten ausbleibt, wie sie zum Beispiel in Deutschland stark zur Geltung kommt.
Bei der Darstellung der kapitalistischen Lohnverhältnisse ist es ganz falsch, nur die tatsächlich gezahlten Löhne der beschäftigten Industriearbeiter zu berücksichtigen, wie dies meistens auch bei den Arbeitern selbst eine von der Bourgeoisie und ihren Soldschreibern gedankenlos übernommene Gewohnheit ist. Die ganze Reservearmee der Arbeitslosen, von den vorübergehend unbeschäftigten qualifizierten Arbeitern bis hinab zu der tiefsten Armut und dem offiziellen Pauperismus, geht in die Bestimmung der Lohnverhältnisse als gleichberechtigter Faktor ein. Die untersten Schichten der schwach oder gar nicht beschäftigten Notleidenden und Ausgestoßenen sind nicht etwa ein Auswurf, der zu der "offiziellen Gesellschaft" nicht zählt, wie dies die Bourgeoisie wohlverstanden hinstellt, sondern sie sind durch alle Zwischenglieder der Reservearmee mit der obersten, bestsituierten industriellen Arbeiterschicht durch innere lebendige Bande verbunden. Dieser innere Zusammenhang zeigt sich ziffernmäßig durch das jedesmalige plötzliche Wachstum der unteren Schichten der Reservearmee in Zeiten schlechten Geschäftsgangs und ihr Zusammenschrumpfen in besseren Konjunkturen, ferner durch die relative Abnahme der Zahl der zu der öffentlichen Armenunterstützung Zuflucht Nehmenden mit der Entwicklung des Klassenkampfes und dadurch der Hebung des Selbstgefühls in der proletarischen Masse. Und endlich: Jeder Industriearbeiter, der bei der Arbeit verkrüppelt oder der das Unglück hat, 60 Jahre alt zu werden, hat 50 Chancen gegen 100, selbst in die untere Schicht der bitteren Armut, in die "Lazarusschicht" des Proletariats, herabzusinken. Die Lebenslage der tiefsten Schichten des Proletariats wird also von denselben Gesetzen der kapitalistischen Produktion bewegt, auf und ab ge- |766| zerrt, und das Proletariat bildet erst mitsamt der breiten Schicht der ländlichen Arbeiter wie mit seiner Armee der Arbeitslosen und mit allen Schichten, von den obersten bis zu den untersten, ein organisches Ganzes, eine soziale Klasse, an deren verschiedenen Abstufungen der Not und des Druckes man das kapitalistische Lohngesetz im ganzen richtig erfassen kann. Endlich aber heißt es nur die Hälfte des Lohngesetzes erfassen, wenn man bloß die Bewegungen des absoluten Lohnes erkannt hat. Das Gesetz des mechanischen Sinkens des relativen Lohnes mit dem Fortschritt der Produktivität der Arbeit vervollständigt erst das kapitalistische Lohngesetz zu seiner wirklichen Tragweite.
Die Beobachtung, daß die Löhne der Arbeiter durchschnittlich die Tendenz haben, auf dem Minimum der notwendigen Lebensmittel zu stehen, wurde schon im 18. Jahrhundert von den französischen und englischen Begründern der bürgerlichen Nationalökonomie gemacht. Sie erklärten aber den Mechanismus, durch den dieses Lohnminimum geregelt wird, in eigentümlicher Weise, nämlich durch Schwankungen im Angebot der arbeitsuchenden Kräfte. Wenn die Arbeiter größere Löhne kriegen, als absolut notwendig zum Leben, erklärten jene Gelehrten, dann heiraten sie häufig und setzen viele Kinder in die Welt. Dadurch wird wieder der Arbeitsmarkt so überfüllt, daß er die Nachfrage des Kapitals weit übertrifft. Das Kapital drückt dann, benutzend die große Konkurrenz unter den Arbeitern, die Löhne stark herab. Reichen die Löhne aber nicht zum notwendigen Lebensunterhalt, dann sterben die Arbeiter massenhaft aus, ihre Reihen lichten sich, bis nur so viel bleiben, wie das Kapital brauchen kann, und damit gehen die Löhne wieder in die Höhe. Durch dieses Pendeln zwischen übermäßiger Vermehrung und übermäßiger Sterblichkeit in der Arbeiterklasse werden die Löhne immer wieder auf das Minimum der Lebensmittel zurückgebracht. Diese Theorie, die bis in die sechziger Jahre in der Nationalökonomie herrschte, hatte auch Lassalle übernommen und nannte sie das "eherne, unerbittliche Gesetz" ...[1]
Die schwachen Seiten dieser Theorie liegen heute bei der vollen Entwicklung der kapitalistischen Produktion auf flacher Hand. Die Großindustrie kann nämlich bei dem fieberhaften Gang der Geschäfte und der Konkurrenz mit dem Herabdrücken der Löhne nicht warten, bis die Arbeiter erst durch den Überfluß zu oft heiraten, dann zuviel Kinder in die Welt setzen, bis diese Kinder erwachsen werden und auf dem Arbeitsmarkt erscheinen, um hier die erwünschte Überfüllung herbeizuführen. Die Bewegung der Löhne hat entsprechend dem Puls der Industrie nicht |767| die gemütliche Gangart eines Pendels, dessen jede Schwingung ein Generationsalter, das heißt 25 Jahre dauert, sondern die Löhne befinden sich in unaufhörlicher vibrierender Bewegung, so daß weder die Arbeiterklasse sich mit ihrer Fortpflanzung auf die Lohnhöhe einzurichten die Möglichkeit hat noch die Industrie mit ihrer Nachfrage auf die Fortpflanzung der Arbeiter warten kann. Zweitens wird der Arbeitsmarkt der Industrie überhaupt in seiner Größe nicht durch die natürliche Fortpflanzung der Arbeiter bestimmt, sondern durch den beständigen Zufluß der frischen proletarisierten Schichten vom flachen Lande, aus dem Handwerk und der Kleinindustrie sowie der eigenen Frauen und Kinder der Arbeiter. Die Überfüllung des Arbeitsmarktes ist eben in der Gestalt der Reservearmee eine ständige Erscheinung und eine Lebensbedingung der modernen Industrie. Es ist somit nicht der Wechsel im Angebot der Arbeitskräfte, nicht die Bewegung der Arbeiterklasse, sondern der Wechsel in der Nachfrage des Kapitals, seine Bewegung, die für die Lohnhöhe maßgebend ist. Die Arbeitskraft ist als eine in Überzahl vorhandene Ware stets auf Lager, sie wird besser oder schlechter entlohnt, je nachdem es dem Kapital gefällt, in einer Hochkonjunktur stark die Arbeitskraft aufzusaugen oder sie im Katzenjammer der Krise wieder massenhaft auszuspeien.
Der Mechanismus des Lohngesetzes ist also ein ganz anderer, als die bürgerliche Nationalökonomie und Lassalle annahmen. Das Resultat jedoch, das heißt die tatsächlich daraus sich ergebende Gestaltung der Lohnverhältnisse, ist eine noch schlimmere als nach jener alten Annahme. Das kapitalistische Lohngesetz ist zwar nicht ein "ehernes", aber noch unerbittlicher und grausamer, weil es ein "elastisches" Gesetz ist, das die Löhne der beschäftigten Arbeiter in der Weise auf das Minimum der Existenzmittel herabzudrücken sucht, daß es gleichzeitig eine ganze große Schicht Unbeschäftigter an einem dünnen elastischen Schmachtseil zwischen Sein und Nichtsein zappeln läßt.
Die Aufstellung des "ehernen Lohngesetzes" mit seinem aufreizenden revolutionierenden Charakter war nur in den Anfängen, in den Jugendjahren der bürgerlichen Nationalökonomie möglich. Von dem Augenblick, wo Lassalle dieses Gesetz zur Achse seiner Agitation in Deutschland gemacht hatte, beeilten sich die nationalökonomischen Lakaien der Bourgeoisie, das eherne Lohngesetz abzuschwören, es für falsch, für eine Irrlehre zu erklären und zu verdammen, Eine ganze Meute von ordinären bezahlten Agenten des Fabrikantentums, wie Faucher, Schulze aus Delitzsch, Max Wirth, eröffneten einen Kreuzzug gegen Lassalle und das eherne Lohngesetz und besudelten dabei rücksichtslos die eigenen Vor- |768| fahren: die Adam Smith, Ricardo und andere große Schöpfer der bürgerlichen Nationalökonomie. Seitdem Marx das elastische Lohngesetz des Kapitalismus unter der Wirkung der industriellen Reservearmee im Jahre 1867 aufgeklärt und nachgewiesen hat,[2] verstummten die bürgerlichen Nationalökonomen endgültig. Heute hat die offizielle Professoralwissenschaft der Bourgeoisie überhaupt kein Lohngesetz, sie zieht vor, das heikle Thema zu umgehen und nur unzusammenhängendes Geplapper über die Bedauerlichkeit der Arbeitslosigkeit und über den Nutzen gemäßigter und bescheidener Gewerkschaften vorzutragen.
Dasselbe Schauspiel in bezug auf die andere Hauptfrage der Nationalökonomie: Wie bildet sich, woher kommt der Profit des Kapitalisten? Wie über den Anteil des Arbeiters, so über den Anteil des Kapitalisten am Reichtum der Gesellschaft geben die erste wissenschaftliche Antwort schon die Begründer der Nationalökonomie im 18. Jahrhundert. Die klarste Form gab dieser Theorie David Ricardo, der scharf und logisch den Profit des Kapitalisten als die unbezahlte Arbeit des Proletariers erklärte.
Redaktionelle Anmerkungen
[1] Punkte in der Quelle. <=
[2] Siehe Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 657-688.<=